60 Jahre Palmer-Schnitt: Die Aufregung hat sich gelegt
„Die große Kunst ist, den Baum dazu zu bringen, dass er mir hilft. Und er hilft mir, wenn er Früchte trägt“: Auf diesen Nenner bringt Helmut Däuble den Obstbaumschnitt.
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Fred Keicher
Kreis Tübingen. Der Baumwart aus Eckenweiler („über siebzig“) betreut einige tausend Obstbäume. „Den besten Schnitt gibt es nicht“, sagt er. „Jeder hat seine eigene Methode.“ Seine ist an Helmut Palmers Öschberg-Schnitt angelehnt: Drei Leitäste („wie ein Mercedesstern“) und eine Mitte. Diese kommt noch aus dem altwürttemberger Schnitt, der um diese starke Mitte herum in mehreren Etagen Leitäste gezogen hat. Nach Palmers Ansicht macht man so alles falsch, was man machen kann: Als Trauerweiden und Elefantenrüssel beschimpfte der 2004 Verstorbene solche Bäume und ihre Baumwarte in den Ämtern und Obstvereinen noch kräftiger.
Nehren war immer Anti-Palmer, sagt Norbert Saur, der Vorstand des dortigen Obstbauvereins. Aber auch er hat in den vergangenen Jahren Palmers Öschberg-Schnitt probiert. Und siehe da: Es funktioniert. „Nicht mehr runterputze wie eine Trauerweide“ ist Saurs Devise, das Ziel ist eine pyramidenförmige Baumform.
Die etwa 350 Bäume rund um Waldhausen betreut Rickmer Stohp (der Vorname des gebürtigen Hamburgers ist friesisch, seit 30 Jahren lebt er in Tübingen und hat in die Unterstadt eingeheiratet). Darunter sind wunderschöne alte Birnbaum-Solitäre. Aber auch Apfelbäume, die Helmut Palmer noch selber geschnitten hat. Rund um Waldhausen hat Stohp einen Palmer-Schnitt- Lehrpfad eingerichtet, auf einem Apfelbaum hängt eine Sonne, zur Erinnerung an 60 Jahre Palmer-Schnitt.
Stohp ist überzeugter Palmerfan, der seine Kenntnisse auch in Schnittkursen (zusammen mit dem BUND) weitergibt. Selber hat er 1996 mit Baumschneiden angefangen und etwa zehn Schnittkurse bei Palmer gemacht, bevor er den Schnitt begriffen hat. Pädagogisch sei Palmer nicht begabt gewesen. Seine Maxime sei gewesen: „Höret gut zu, dann müsst ihr nicht so viel und blöd fragen.“
„Was steil wächst, treibt am stärksten. Was waagerecht wächst, trägt Früchte. Was nach unten wächst, stirbt ab.“ Das sind die drei Grundregeln für einen starken Kronenaufbau. Eine Baumkrone soll kelchförmig nach oben offen sein.
Unverzichtbar, sagt Stoph, ist der Baumschnitt in den ersten acht bis zwölf Jahren. Hier werden die Leitäste festgelegt. Die Innenaugen ausgebrochen und Fruchttriebe angeschnitten. Dabei geht man nach dem Gegenaugenprinzip vor: Man wählt eine Knospe, die nach außen wächst, als Anfang eines Astes, schneidet den Trieb aber nicht über diesem Auge ab, sondern über dem Gegenauge drüber, das nach innen gerichtet ist. Das Gegenauge treibt jetzt munter nach oben drauf los und der Trieb drunter sucht sein Glück im erwünschten Wachstum nach außen. Später wird das Gegenauge abgesägt.
Helmut Palmer sei durchaus noch gegenwärtig, die Grabenkämpfe seien aber ausgestanden, sagt Joachim Löckelt, der Obstbauberater des Tübinger Landratsamts. Seine Aufgabe sieht er darin, vermittelnd einzugreifen. Der Öschberg-Schnitt wird auch in seinen Kursen gezeigt.
„Spitzenerträge im Bio-Streuobstbau“ verspricht der Palmer-Schnitt, wie ihn Gudrun Mangold in ihrem Buch gründlich darstellt. Palmers Leben und der Obstbaumschnitt gehen hier eine innige Verbindung ein. In weiten Teilen ist das Buch ein Gedenkbuch für Helmut Palmer.
Wenn man zwei Bauern einen Obstbaum schneiden lässt, hat man mindestens drei Schnittvarianten, sagt Franz Rueß, der Obstbau an der Weinsberger Weinbauschule lehrt. „Es gibt zwei, drei Grundregeln. Alles andere ist Philosophie. Und Palmer war ganz sicher ein Philosoph.“