Das engagierte Team im Tübinger Christiane-von-Kölle-Stift – insgesamt 45 Voll- und Teilzeitkräfte – setzt ein Betreuungskonzept um, das den Bewohnerinnen und Bewohnern den Lebensabend so angenehm wie möglich macht (siehe auch neben stehenden Infokasten).
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Im Gemeinschaftsraum mit der Küche wird gekocht, gegessen und geredet. Bilder: Bachmann
Tübingen. „Alzheimer-Patienten führen ein interessantes Leben. Sie lernen jeden Tag neue Menschen kennen.“ Der böse Witz enthält, wie viele böse Witze, ein Körnchen Wahrheit. Für Menschen mit Demenzerkrankungen gibt es so selbstverständliche Dinge wie eine vertraute Umgebung und altbekannte Gesichter nicht mehr. Alles ist neu und ungewohnt und vieles davon wirkt auf die Patient(inn)en bedrohlich und erzeugt Ängste. Ihnen diese Ängste zu nehmen und ihnen so weit wie möglich das Gefühl von Geborgenheit und Sicherheit zu vermitteln, ist ein wichtiger Aspekt im Umgang und in der Pflege alter Menschen, die die Orientierung im Hier und Jetzt teilweise oder ganz verloren haben.
Kontaktfreudige Flure
Im Christiane-von-Kölle-Stift ist alles hell und freundlich. Überall stehen Pflanzen, zwei Katzen lassen sich streicheln – oder auch nicht. Persönliche Möbel und Bilder lockern das Pflegeheimmobiliar auf. Aber viel wichtiger als eine ansprechende und dabei trotzdem praktische Einrichtung sind die einfühlsame Zuwendung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und die Möglichkeit, den Tagesablauf in Kontakt mit anderen Menschen gestalten zu können.
Spiel mit dem selbstgenähten Hund.
Ganz wichtig ist der Zuschnitt der einzelnen Wohneinheiten: Die Flure sind als Rundgänge angelegt. „Auf diese Weise stoßen die Bewohner nicht an eine beängstigende Grenze“, erklärt Daniel Hahn. „Sie können sich frei bewegen, kommen immer wieder in den Gemeinschaftsraum und in Kontakt mit ihren Mitbewohnern und anstatt ruhelos hin- und herlaufen zu müssen, kommen sie tatsächlich voran“, betont der Hausleiter. „Wenn jemand seine Kinder besuchen möchte, kann er sich hier tatsächlich auf den Weg machen und fühlt sich nicht von Mauern oder Türen gebremst und zurückgehalten.“
Biografie als Maßstab
Den Gedanken, eines Tages so vergesslich zu sein, dass sich jedes Mal, wenn ich um die Ecke eines solchen Rundflures biege, eine neue, noch unbekannte Umgebung auftut, möchte ich kaum an mich heranlassen. Und genau das ist das Prinzip dieser Form der Altenpflege: Die Heimbewohner da abholen, wo sie stehen, auf sie eingehen und nicht versuchen, ihnen eine Realität aufzuzwingen, die längst nicht mehr die ihre ist.
Die meisten Bewohner leben in Einzelzimmern, die sie mit ihren eigenen Möbeln, Bildern und Pflanzen einrichten können. Nur das Pflegebett kann nicht ausgetauscht werden. „Und was machen Sie, wenn ich mit meinen 2000 Büchern einziehen möchte?“, frage ich angesichts eines leeren Zimmers, das den typischen Charme eines kirchlichen Seminarhauses versprüht. Daniel Hahn grinst. „Wir stellen hier an dieser Wand Regale auf, da passen dann mindestens 1000 Bücher rein.“
Die Arbeit mit den Bewohnerinnen und Bewohnern richtet sich ganz stark nach deren Biografie, die Menschen sollen so viel wie möglich von ihrem bisherigen Leben in diesen letzten Lebensabschnitt mitbringen dürfen. „Bei uns steht der Mensch im Vordergrund“, versichert Hahn. „Und wenn jemand zu Hause immer erst um zehn Uhr morgens gefrühstückt hat und das auch noch im Bett, dann versuchen wir, ihm das auch hier zu ermöglichen.“
Gemeinsam kochen
Mit Biografiearbeit haben auch die Türschilder der Bewohnerinnen und Bewohner zu tun, neben deren Namen ein Foto hängt, das so eng mit ihrem Leben verbunden ist, dass es ihnen Orientierung ermöglicht: das Heimatdorf oder ein paar Wanderstiefel, der Hund oder das Klavier.
Die Mahlzeiten werden in den Hausgemeinschaften nicht nur gemeinsam eingenommen, sondern teilweise auch gemeinsam geplant und zubereitet. „Der Salat kommt als Kopf hier an und wird hier erst geputzt“, erklärt Daniel Hahn. Wer noch entscheiden kann, ob er lieber Nudeln oder Kartoffeln als Beilage essen möchte, fühlt sich gleich viel weniger fremdbestimmt. Andrea Bachmann