Amerikaner und Deutsche tauschen sich am Stammtisch aus
Typisch deutsch ist er, der Stammtisch. Doch schon am „good evening“ erkennt man: Hier wird amerikanisch gesprochen. Englische Muttersprachler, aber auch an der Sprache interessierte Tübinger, treffen sich einmal im Monat bei diesem Stammtisch, den das Deutsch-Amerikanische Institut (d.a.i.) Tübingen organisiert. Und beim gemütlichen Gespräch kommen sich alle ein bisschen näher.
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Tübingen. Ein Küsschen links, eins rechts: Mit dieser herzlichen Begrüßung startet die Runde, die sich im Tübinger „Hauptbahnhof“ trifft. Schnell stellt sich eine gemütliche Atmosphäre unter den 30 Gästen ein. „Wir unterhalten uns über den Beruf, den Urlaub oder was man am Tag erlebt hat“, erklärt Kerstin Bofinger: „Das sind Gespräche wie unter Freunden.“
Vor sechs Jahren besuchte die Grundschullehrerin erstmals das Treffen. Damals kam sie frisch von einem halbjährigen Auslandsaufenthalt in Großbritannien zurück und zog nach Tübingen. „Ich kannte niemanden und hatte Heimweh nach Englisch“, nennt Bofinger als Grund, warum sie sich dem Stammtisch anschloss. Und bis heute bleibt sie ihm treu. Denn die junge Lehrerin ist überzeugt: „Man lernt eine Sprache nur, wenn man sie spricht.“ In fließendem Englisch beginnt sie sodann, sich mit ihrer Nachbarin zu unterhalten.
„Ein anderes Amerika kennenlernen als jenes, welches das Fernsehen präsentiert“, war für Rainer Helfrich der Anlass, den Stammtisch zu besuchen. Hier sucht er Kontakt zu „interessanten Menschen“ und will sich über die amerikanische Politik austauschen. „So bekommt man bessere und fundiertere Informationen“, findet der Gymnasiallehrer. „Englisch lernen“ ist ihm auch wichtig. Wobei der Mathelehrer schätzt, dass es gerade kein Englisch-Kurs ist. Denn die Teilnahme ist kostenlos und wie im Unterricht geht es auch nicht zu. Helfrich braucht weder Bücher noch Vokabelhefte. „Man kann einfach nur sein Englisch praktizieren und dabei nette Leute treffen“, freut er sich.
Willkommen sind alle. Ob Schüler oder Senior, ob Muttersprachler, Englisch-Anfänger oder Englisch-Könner. Deshalb ist es kein Problem, dass der eine oder andere gelegentlich ins Deutsche fällt. Aber den Abend nur in der bekannten Sprache zu meistern, das wäre den Stammtischlern doch zu wenig. „Sich bemühen, das Gespräch in Englisch zu führen“, wünscht sich Bofinger von ihren Austauchpartnern. Eine Hilfe ist, dass die Teilnehmer nicht ständig verbessert werden. Viele Freiheiten sollen zudem Sprachbarrieren abzubauen. So werden ab und an die Plätze getauscht oder es antwortet eine Teilnehmerin quer über den ganzen Tisch hinweg einer anderen. Die Angst vor Fehlern zu verlieren, gelingt mühelos in den angeregten Diskussionen. Da fällt es manchem leichter, Grammatik Grammatik sein zu lassen und einfach loszureden.
Vertreter einer weiteren Nation ist Tarek Hegazy. Der ehrenamtliche Leiter des d.a.i.-Stammtischs spricht fließend Deutsch und fehlerfrei Englisch, stammt aber aus Ägypten. Mit seinen Sprachkenntnissen ist der Student der perfekte Vermittler zwischen den deutsch-amerikanischen Welten. Und er weiß, was die amerikanischen Gäste lockt: „Manche sind Austauschstudenten, die Kontakte zu den hiesigen Menschen suchen.“ Andere kämen, weil sie sehen wollen, wie Deutschland wirklich sei. „Sie wollen das, was sie in Büchern gelesen oder in Bildern gesehen haben, mit den eigenen Augen überprüfen“, meint er. Zur Diskussion stehen etwa das Oktoberfest, aber auch die Tübinger Musikfestivals. „Diese Themen gefallen“, sagt Hegazy. „Und das Interesse am Stammtisch ist groß.“ Birgit Vey