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Straßen im Kreis Tübingen

Gösstraße

Etwa dreihundert öffentliche und private Gebäude, zahlreiche neue Straßen, der Bau eines Abwasserkanalsystems und die Versorgung der Innenstadt mit Hauswasserleitungen, zwei Schulhäuser, die spätere Thiepval-Kaserne und der Schlachthof, die Alleenbrücke über den Neckar, der Kaiser-Wilhelm-Turm auf dem Österberg und vieles andere mehr sind in den 23 Jahren entstanden, in denen Julius Gös als Stadtschultheiß und Oberbürgermeister an der Spitze der Tübinger Stadtverwaltung stand.

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Weder vorher noch nachher hat sich Tübingen so schnell, so radikal und so nachhaltig verändert. Die nach ihm benannte Gösstraße in der Weststadt geht allerdings nicht auf seine Initiative zurück. Julius Gös wurde 1830 in Aalen geboren.

Julius Gös, von 1874 bis 1897 Tübinger Schultes. Archivbild: Metz Julius Gös, von 1874 bis 1897 Tübinger Schultes. Archivbild: Metz

Als er 13 Jahre war, wurde sein Vater, ein Dekan, in den Ruhestand verabschiedet. Die Familie zog nach Tübingen, um dem Sohn die Bildungschancen einer Uni-Stadt zu ermöglichen. Julius studierte Jura, wurde Rechtsanwalt, heiratete 1858 Luise Gfrörer, deren Vater eine gut gehende Weinstube besaß und engagierte sich in der Kommunalpolitik. Als Anwalt soll er einmal einen Rechtsstreit gegen Ludwig Uhland geführt haben. Der große Sohn der Stadt stritt um die Instandsetzung eines Gartenzauns.

1874 wurde Julius Gös zum Stadtschultheißen gewählt. Unumstritten war er nicht. Er war kein gebürtiger Tübinger, kam aus dem Universitätsmilieu und machte keinen Hehl daraus, dass ihm der Fortschritt der Stadt am Herzen lag. Das gefiel nicht jedem.

In Tübingen war die Industrialisierung noch nicht angekommen. Die Stadt war immer noch landwirtschaftlich geprägt. Die Straßen waren schlecht bis gar nicht gepflastert, Misthaufen gehörten zum Straßenbild. Die Universität hatte nur knapp 700 Studenten und verlor immer wieder gute Professoren, weil sie dem verführerischen Ruf größerer und modernerer Universitäten nicht widerstehen konnten.

Auf Initiative von Gös verschwanden die Misthaufen von den Straßen, Wasserleitungen und ein Abwasserkanalsystem sorgten für mehr Sauberkeit. Im Gemeinderat, der von Weingärtnern und Kleinhandwerkern dominiert wurde, soll sich gegen diese überflüssigen und kostspieligen Maßnahmen heftiger Widerstand geregt haben.

1875 wurde Tübingen Garnisonsstadt und in der Nähe des Bahnhofs wurde eine Kaserne gebaut. Jetzt konnten Studenten während ihres Studiums ihren einjährigen Militärdienst ableisten, was die Attraktivität Tübingens als Uni-Stadt erhöhte. Auch das 400-jährige Universitätsjubiläum 1877, zu dem die Rathausfassade ihr heutiges Aussehen erhielt (links an der Sprechkanzel steht übrigens „Julius Goes Praefectus urbi“ neben dem Familienwappen des Stadtschultheißen), erhöhte den Bekanntheitsgrad der württembergischen Alma Mater und zog immer mehr Studenten an.

Neue Institutsgebäude und Kliniken erforderten eine bessere städtische Infrastruktur. Die wichtigste Neuerung im Straßenbau war die Umgestaltung des Mühlgrabens zur Mühlstraße. Als die elegante Straße 1887 eingeweiht wurde, kam sogar König Karl zu Besuch. Seine Majestät fuhr im Schritttempo durch die Mühlstraße, Julius Gös, mittlerweile OB, musste mit dem Zylinder in der Hand neben dem hohen Besuch herlaufen.

Neben diesen großen Stadtentwicklungsprojekten lag Gös auch die „Kulturstadt Tübingen“ am Herzen. Ein kleines Theater sorgte für gepflegte Unterhaltung am Abend, die Einrichtung einer städtischen Altertums- und Gemäldesammlung legte den Grundstein für das heutige Stadtmuseum.

Als Julius Gös 1897 starb, hatte sich Tübingen vollkommen verändert. Aus dem Weingärtnerort mit knapp 10 000 Einwohnern war eine (relativ moderne) Universitätsstadt geworden, in der mittlerweile 14 000 Menschen lebten. Andrea Bachmann

18.07.2012 - 08:30 Uhr | geändert: 18.07.2012 - 12:03 Uhr

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