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Glosse

Großmutters Kaffeemühle

Der böse Räuber Hotzenplotz raubte Großmutters Kaffeemühle. Ich besitze auch noch eine Kaffeemühle meiner Oma. Sie hat einen Ehrenplatz oben auf dem Schrank und schlummert unter einer dicken Staubschicht. Zu ihren besten Zeiten symbolisierte sie Wirtschaftswunder-Wohlstand.

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Martin Zimmermann

Mein Vater musste als Kind sonntags Kaffeebohnen mahlen. Unter der Woche gab es nur Muckefuck. Ein Wort, das auf eine Verballhornung des französischen mocca faux zurückgeht. „Linde´s Kaffee-Ersatz-Mischung“ stand damals als „Deutscher Kaffee“ auf den Speisekarten.

Artikelbild: Großmutters Kaffeemühle Martin Zimmermann

Auf der Rückfahrt des ersten Italienurlaubs im VW Käfer beschloss mein Opa, nun auch werktags Bohnenkaffee zu trinken. Die Kaffeemühle wurde überflüssig, als gemahlener Kaffee verkauft wurde. In den späten 1990er Jahren wurde die Kaffeemaschine, in der eine Warmhalteplatte das schwarze Gebräu in einer gläsernen Kanne auf Temperatur hielt, durch einen Automaten ersetzt. Seither füllt man oben Kaffeebohnen und hinten Wasser hinein. Dann drückt man einen Knopf. Es blinkt, es brummt, es zischt, es dampft und der Kaffee tröpfelt portionsweise in die bereitgestellten Tassen.

Bis vor kurzem. Da blinkte der Automat nur noch und war kaputt. Da fiel mein Blick auf den Schrank, wo ganz oben noch Omas Kaffeemühle stand. Nach dem ich sie vom Staub befreit hatte, füllte ich Kaffeebohnen hinein und drehte an der Kurbel. Es knackte, es knirschte und es rieselte tatsächlich Kaffeepulver in die Schublade der Mühle. Daraus brühte ich einen türkischen Kaffee.

Der Kaffeesatz schmeckte ungewohnt, macht aber schön. Das sagte zumindest meine Oma. Bei einem Low-tech-High-design-Retro-Lifestyle-Label werden Handkaffeemühlen im Internet zum Preis von bis zu 290 Euro verkauft. Das Mahlen von Hand „und nicht mit einem elektrischen Zertrümmerer“ wird als „geradezu spielerische, dabei genuss- und geschmacksfördernde Tätigkeit“ beworben. Das Premiummodell mit Schwungrad wiegt 5,3 Kilogramm und ist 38 Zentimeter hoch. An meinen Ehrenplatz auf dem Schrank würde es nicht hinpassen.

09.05.2012 - 08:30 Uhr | geändert: 09.05.2012 - 16:07 Uhr

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