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Straßen im Kreis Tübingen

Hölderlinstraße

Was kann man auf einer knappen Seite noch schreiben über jemanden, den in Tübingen jeder kennt oder zu kennen glaubt, dessen letzter Wohnort eine Wallfahrtsstätte geworden ist, ein magischer Ort? Er ist eine Symbolfigur wie kein zweiter, eine Ikone für das ganze romantische, poetische Tübingen, nichts steht dieser Universitätsstadt so gut zu Gesicht wie ihr wahnsinniger, aber genialer Dichter.

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Gut ausgesehen hat er auch, ein schöner, sensibler, aber durchaus temperamentvoller Mann, der Gedichte schreibt und (mindestens) eine traumhaft traurig-schöne Liebesgeschichte erleben darf. Freiheitsliebend, zu tiefer Freundschaft fähig – Hölderlin ist eine fantastische Projektionsfläche.

Friedrich Hölderlin starb am 7. Juni 1843. Archivbild: Zibulla Friedrich Hölderlin starb am 7. Juni 1843. Archivbild: Zibulla

Seit Wilhelm Waiblinger, der während seines gesamten Studiums Hölderlin immer wieder in seinem Zimmer am Neckarufer besucht hat, ihn mitgenommen hat zu Spaziergängen auf den Österberg, 1827 eine psychologische Studie über „Friedrich Hölderlin’s Leben, Dichtung und Wahnsinn“ geschrieben hat, hat man nicht aufgehört, sich diesen zweifellos besonderen Menschen zu eigen machen zu wollen. Etwas über ihn schreiben zu wollen, was bislang noch nicht geschrieben wurde, scheint unmöglich.

Besuch aus China

Manche Annäherungen sind geglückt, manche nicht. Vor einiger Zeit hatte ich das Glück, einer kleinen Gruppe chinesischer Germanisten, die alle ihr ganzes wissenschaftliches Leben lang Hölderlin ins Chinesische übersetzt hatten und jetzt zum ersten Mal hierher kamen, Tübingen zeigen zu dürfen. Zwischen Evangelischem Stift und Hölderlinturm durfte ich an einem der vermutlich wichtigsten Momente im Leben dieser älteren Herren teilhaben und ich war wirklich dankbar für dieses besondere, sehr emotionale Erlebnis.

Am 7. Juni 1843 ist Hölderlin gestorben, als 73-Jähriger. Nachts um elf, schnell soll es gegangen sein. Drei Tage später wird er beerdigt. Es ist keine „große Leiche“, aber der Liederkranz singt zwei Choräle und Christoph Schwab hält die Grabrede. Es sind kaum Professoren gekommen, niemand von der Familie, aber viele Studenten. Die lesen noch Gedichte.

Reklame für Reclam

An einem anderen 7. Juni, 1802, hatte Hölderlin in Straßburg ein Ausreisevisum erhalten und die Rheinbrücke passiert. Aberwitzig kurze vier Wochen hatte er gebraucht, um von Bordeaux, wo er wenige Monate als Hauslehrer bei einer deutschen Familie gearbeitet hatte, nach Deutschland zurückzukehren.

Ende Juni trifft er in Stuttgart ein, seine Heimkunft schockiert Freunde und Verwandte, die den „an Geist und Leib heruntergekommenen“ Hölderlin fast nicht wiedererkennen. Er wird sich nicht mehr fangen, nicht mehr zurückkehren zu denen, die nach ihren eigenen Maßstäben für „normal“ oder „gesund“ gehalten werden.

Wir wissen nicht, wo sich Hölderlin in den wenigen Juniwochen aufgehalten hat. Hatte er es bis Frankfurt geschafft und die Geliebte, Susette Gontard, noch gesehen, die am 22. Juni 1802 an den Röteln gestorben war? Ihr verzweifelter Gesundheitszustand, von dem Hölderlin selbst in Bordeaux Kenntnis erhalten haben muss, war vermutlich der Grund für seine eilige Rückkehr aus Frankreich. Hat er die Zeit in den Alpen verbracht, wie man aus seinen Gedichten herauslesen könnte?

Oder war er einfach nur zwischen Stuttgart und Nürtingen herumgeirrt, gefangen in einem Nervenzusammenbruch, der sein weiteres Leben bestimmen würde?

Ein Reclambändchen mit Hölderlingedichten ist in jeder Tübinger Buchhandlung zu haben. Und es ist überhaupt nicht albern, sich damit auf die Neckarmauer zu setzen. Vielleicht schwimmt zwischen den Stocherkähnen ein Schwan vorbei, der „trunken von Küssen das Haupt ins heilignüchterne Wasser taucht“.

Andrea Bachmann

06.06.2012 - 08:30 Uhr | geändert: 06.06.2012 - 13:50 Uhr

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