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Straßen in der Region

Hoppe-Seyler-Straße

Mit Tübingen, seiner Umgegend und seinem Leben bin ich im Ganzen recht wohl zufrieden. Die Gegend ist reizend, das Leben nicht besonders billig, aber im Ganzen behaglich und gewährt viel Muße zum Arbeiten. Die Kollegen sieht man im Semester höchst selten außer etwa in Fakultätssitzungen. Die Abgelegenheit meines Laboratoriums isoliert mich von einem großen Teile.

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Andrea Bachmann

“So schreibt der Berliner Wissenschaftler Felix Hoppe-Seyler 1861 nach einem Dreivierteljahr als Ordinarius für physiologische Chemie über die schwäbische Universitätsstadt – nach 150 Jahren hat seine Aussage kaum an Aktualität eingebüßt. Seinen Namen hat fast jeder in Tübingen schon einmal gelesen. Die Hoppe-Seyler-Straße ist die Adresse zahlreicher Tübinger Kliniken. Außerdem hängt im Innenhof des Tübinger Schlosses eine Gedenktafel, die an Hoppe-Seylers Arbeit im ehemaligen Schlosslaboratorium der Universität erinnert. Wer war Hoppe-Seyler?

Felix Hoppe-Seyler, der am 26. Dezember 1835 geboren wurde, entdeckte den roten Blutfarbstoff. ... Felix Hoppe-Seyler, der am 26. Dezember 1835 geboren wurde, entdeckte den roten Blutfarbstoff. Archivbild

Kampf gegen Cholera

Der Sohn eines Superintendenten aus Freyburg an der Unstrut wurde am 26. Dezember 1825 geboren und passend zu diesem weihnachtlichen Termin Felix Immanuel genannt. Seine Schulzeit verbrachte er in einem Internat der Franckeschen Stiftungen in Halle. Beim Apotheker der Stiftung lernte Hoppe-Seyler erste chemisch-experimentelle Techniken.

Mangels eines Studienfaches, das Hoppe-Seylers wissenschaftlichen Interessen entsprach, studierte er in Halle, Leipzig und Berlin Medizin und arbeitete eine Weile als Arzt in einem Berliner Choleralazarett. Die gefürchtete Seuche, die vor allem Großstädte wie Berlin im 19. Jahrhundert immer wieder heimsuchte, offenbarte eines der größten Defizite der Medizin: Weil man keine Ahnung von chemisch-biologischen Vorgängen im Körper hatte, gab es für solche Erkrankungen auch keine Therapie, zufällige Behandlungserfolge waren allein sorgfältiger Pflege zu verdanken.

Diese Verbindung von Medizin und Chemie wurde zu Hoppe-Seylers Lebensaufgabe. Um experimentell forschen zu können, nahm er eine Stelle als Privatdozent an der Universität Greifswald an, wo die Arbeitsbedingungen allerdings so schlecht waren – das Laboratorium befand sich direkt neben einem Pferdestall – dass der junge Forscher sich an der Charité bewarb. Er wurde Assistent von Rudolf Virchow, konnte sich ein vorzügliches chemisches Laboratorium einrichten und begann mit den Arbeiten zur Chemie des Blutes, die die nächsten Jahrzehnte sein wissenschaftliches Dasein prägen sollten.

Biochemie als Disziplin

Mit seinen Bemühungen um eine Medizin, die mit naturwissenschaftlichen Methoden die Funktionsweisen des Körpers aufklärt, hat Hoppe-Seyler ebenso Wissenschaftsgeschichte geschrieben wie mit seinem Engagement für die Anerkennung der angewandten oder physiologischen Chemie. Er gilt als der erste, der den Begriff der Biochemie als Definition für eine selbstständige wissenschaftliche Disziplin eingeführt hat.

Als Assistent verdiente man auch Mitte des 19. Jahrhunderts keine Reichtümer und deshalb tauschte er die inspirierende Atmosphäre Berlins gegen den immerhin ersten und einzigen Lehrstuhl für physiologische Chemie an einer deutschen Universität ein. Das Institut befand sich in romantischer, aber extrem unpraktischer Lage auf dem Tübinger Schloss, die Schlossküche mit ihren meterdicken Kellerwänden diente als Laboratorium. Trotz aller Nachteile – zu denen im Winter die Kälte zählte, die die Kellerküche praktisch unbenutzbar machte – avancierte das Schlosslaboratorium dank des Engagements von Felix Hoppe-Seyler zu einem zentralen Ort für physiologisch-chemische Forschung in Deutschland. Er gab mehrere Lehrbücher heraus, von denen eines noch 1953 neu aufgelegt wurde. Publikationen, die sich an ein interessiertes bürgerliches Publikum ohne spezielle Fachkenntnisse richteten, sicherten ihm und seinen Kollegen auch in nichtakademischen Kreisen Beachtung.

Vor allem aber experimentierte Hoppe-Seyler weiter mit der Farbe des Blutes. 1864 entdeckte er den roten Blutfarbstoff, den er Hämoglobin nannte.

27.12.2012 - 08:30 Uhr | geändert: 27.12.2012 - 16:40 Uhr

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