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Flippern schadet nicht

Professor Anil Batra: „Rollenspiele können süchtig machen“

Wo hört das Vergnügen auf, wo fängt die Sucht an? Das Spielen kann zu einer Flucht vor der Gegenwart werden. Ein Suchtforscher, ein Soziologe und ein Flipper-Spieler geben Auskunft.

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Spielen gehört zu den Grundbedürfnissen der Menschheit: Kinder leben Fantasien aus, oft proben sie ihre Rollen, die sie später in der Welt der Erwachsenen einnehmen werden. Die spielen aus anderen Gründen, so der Freiburger Soziologe Sacha Szabo: „Es ermöglicht uns einen kurzfristigen Ausstieg aus der Alltagsrealität. Jedes Spiel besitzt einen eigenen Raum, eine eigene Zeit und eigene Gesetze.“

In Gaststätten findet man noch immer Geldspielautomaten, die sogenannten „Groschengräber“. Sie stehen als Synonym für Spielsucht. Dieser Begriff geht, laut Szabo, auf Gerhard Mayer, Psychologie-Professor an der Universität Bremen, zurück. Dieser bezeichnete die Fixierung, in diesem Fall auf den Spielapparat, auch als Verhaltenssucht: So würden etwa die Sozialkontakte zurückgedrängt und die Körperpflege vernachlässigt.

Seit es Personal Computer gibt, spielen viele Menschen für sich allein. Das bestätigt Professor Anil Batra, der an der Tübinger Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie beschäftigt ist: „Wir haben hier eine Ambulanz für Spielsüchtige eingerichtet. Zu uns kommen Menschen, die über das Internet und über Rollenspiele süchtig wurden.“

Wie bei Substanz-Abhängigkeiten, etwa von Alkohol oder Nikotin, führe oft Neugier in die Welt der Computerspiele. Menschen, die maßlos Computerspiele konsumieren, möchten laut Batra zunächst Sorgen oder Schlafstörungen bekämpfen. „Ihnen ist wichtig, dass ein Spiel weiter geht“, sagt Batra und warnt: Der Körper stelle sich darauf ein. Er habe bei seinen Patienten oft zwanghaftes Verhalten oder depressive Verstimmungen festgestellt. Selbst Spiele, wie Skat oder sogar Schach, die eigentlich immer als Kommunikationsspiele galten, wurden in der Ambulanz für Spielsüchtige genannt: Der Computer tritt an die Stelle eines menschlichen Gegners.

Es könne auch süchtig machen, per Computer einer Gemenschaft beizutreten. Das können LAN-Netzwerke sein, die sich etwa gemeinsam bei Spielen wie „World of Warcraft“ messen. Batra hat allerdings auch festgestellt, dass sich vermehrt Menschen therapieren lassen müssen, die an Rollenspielen teilgenommen und dort Ersatzidentitäten angenommen hatten. „Sie wirkt als sozialer Verstärker: Über die Rolle findet man Anerkennung innerhalb der Gruppe“, sagt Batra.

Spielsucht hat nichts mit dem Alter zu tun, aber durchaus mit der Entwicklung der Gesellschaft. So hat die Zahl der Erwachsenen abgenommen, die in Gasthäusern Darts, Billiard, oder Flipper spielten. Das liegt teils einfach am Mangel an Gelegenheit: Das Gaststätten-Gewerbe hat sich den Marktbedingungen anpassen müssen. So sind etwa in Tübingen kaum noch Flipperautomaten zu finden.

Dabei spreche wenig gegen das Flippern, sagt Professor Batra: „Flipper spielen ist okay.“ Soziologe Szabo verdeutlicht, warum:

Flippern würde keinen Spaß machen, wenn nicht die Möglichkeit bestünde, dass der Ball verloren geht. Das Ende sei integraler Bestandteil des Spiels.

Martin Pfeifer aus Derendingen, vor fünf Jahren Flipper-Europameister, sagt: „Die Städte haben über die Jahre die Vergnügungssteuer auf Spielautomaten so sehr angehoben, dass es sich nicht mehr rentiert, welche aufzustellen.“ Früher hätten Wirte die Hälfte der Einnahmen behalten dürfen – das Geld habe dazu beigetragen, die Pacht bezahlen zu können. Pfeifers Frau Edith ärgert es, dass der Staat und die Städte „tapfer mitkassieren“.

Seelischen wie materiellen Schaden erleiden manche, die – beim Pokern, oder beim Lotto – um Geld spielen. Martin Pfeifers Ehefrau Edith erinnert sich an einen Gast in jener Kneipe, welche die Pfeifers vor Jahren in der Hechinger Staße geführt hatten. „Da kam einer, der hat regelmäßig hunderte Euro eingesetzt. Er hat die Scheine bei uns ausgefüllt und ist dann in den nächsten Laden gegangen, wo er sie abgeben konnte.“ Den staatlich gesteuerten Lottobetrieb nennt Edith Pfeifer „bigott“. Sie fordert: „Der staatliche Zweig muss abgeschafft werden.“Michael Sturm

In einem nicht ganz ernstgemeinten Fragenbogen können Sie, liebe Leser, nun herausfinden, welchem „Spieltyp“ Sie angehören. Schauen Sie unter dem Buchstaben nach, dessen Antworten am ehesten auf Sie zutreffen.

Was fällt Ihnen zum Thema „Flipper“ ein?

a) Jüüürgen Klins-mann!

b) Süüüüüüüß!!!!

c) Es gibt nicht mehr viele. Ein schlimmer Verlust für die Kneipenkultur.

d) Blödes Farbgeblinke ohne Action.

e) Geben Sie mir ein Boot und eine Harpune, horrido!

Spielen Sie gerne Karten?

a) Bin ich Schiedsrichter?!

b) Mau Mau ist total spannend!

c) So was wie die Siedler von Catan? Nee, dann lieber ein Brettspiel.

d) Solitär zocken ist voll öde!

e) Wir spielen im Hubertusheim bei ein paar Lagen Bier und Korn gern eine zünftige Runde Skat und erzählen uns dabei Dackelwitze.

Was halten sie vom Ballern?

a) Malle, Ballermann sechs, Sonne und Sangria saufen!

b) 99 Luftballerns.

c) Meinen Sie diese Ballerspiele? Die sind ja schon etwas pervers. Aber gelegentlich zocke ich mit meinem Mitbewohner in der WG. Das macht schon übelst Spaß!

d) Was? Jetzt nicht! Ah, den hab ich voll erwischt! Ich bin gleich auf der nächsten Ebene!

e) Mit meiner Flinte treffe ich auf 150 Meter jede Fliege zwischen die Hinterbeine!

Was verstehen Sie unter LAN?

a) Philipp Lahm, Fußballgott!

b) Ist das ein neues Modelabel?

c) Local Area Network – da sind einige Computer miteinander vernetzt.

d) Willst Du mich verarschen?

e) Ja! Bei Marburg an der Lahn war ich mal zu einer schönen Treibjagd eingeladen.

Antworten:

a) Wenn Sie am Computer zocken, dann eh nur Fußball.

b) Sie sind doch völlig naiv! Haben Sie wirklich keinen Computer zu Hause? Nicht mal ne Zeitung? Schade.

c) Sie haben sich bemüht, Sie Streber! Aber sie haben ja recht: Ein ausgewogenes Freizeitverhalten ist sehr sinnvoll.

d) Zwischen dem Zocken sollten Sie mal an die frische Luft.

e) Weidmanns Heil!

23.03.2011 - 08:30 Uhr | geändert: 23.03.2011 - 11:46 Uhr

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