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Wo bitte geht’s zum OP-Saal?

Teil 2 Von Anahid Bönzli aus Mössingen

Der erste Teil „Wenn die Wehen einsetzen“ erschien vergangene Woche. „Vier Stunden später. Sie haben immer noch Presswehen. Aber die Herztöne sind in Ordnung.

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Die Hebamme sieht mich aufmunternd an.

Sobald das Neugeborene da ist, sind alle Wehen vergessen. Bild: Liddy Hansdottir - Fotolia Sobald das Neugeborene da ist, sind alle Wehen vergessen. Bild: Liddy Hansdottir - Fotolia

Sechs Stunden später.

Mann, wieso dauert das denn so lange? Hat die nicht gesagt das wird ein Valentinstagskind?

Fünf Stunden später.

So, Kindchen … (neue Hebamme, gleicher Spruch.) Immer noch Presswehen. Die Herztöne sind zwar noch in Ordnung, aber der Muttermund ist erst sieben Zentimeter offen. Ich hol den Gynakologen, damit der den Anästhesisten holt, und dann werden wir ihnen eine PDA legen.

Eineinhalb Stunden später.

Die PDA wirkt. Nur bei mir, nicht beim angehenden Vater.

Drei Stunden später.

Die PDA wirkt nicht mehr wirklich.

Zwei Stunden später.

PDA ist praktisch nicht mehr vorhanden.

Sechs Stunden später.

Was war PDA nochmal?

Vier Stunden später.

Die Hebamme holt den Gynäkologen.

So so … hmm … tja … also … erst mal die gute Nachricht: Die Herztöne sind in Ordnung. Das heißt, wenn Sie möchten, können Sie es noch ein paar Stunden versuchen. Das war die gute Nachricht?

Es ist nämlich so . . . obwohl das Köpfchen, wenn Sie pressen, schon sichtbar ist, kommt es nicht mehr weiter hinaus. Ich befürchte, es liegt im falschen Winkel, nur ganz leicht, aber das scheint wohl auszureichen.

Und nun? Das müssen Sie entscheiden. Ach … Hätt ich mal auf meine Eltern gehört und Abi gemacht. Bestimmt hätt ich Medizin studiert und würd’ jetzt nicht so saudumm aus der Wäsche schauen.

Entweder Sie versuchen es noch ein paar Stunden, solange die Herztöne noch mitmachen. Dann kann es allerdings passieren, dass das Kind sich schon so weit im Geburtskanal befindet, dass ein Kaiserschnitt nicht mehr möglich ist. Dann bleibt aber immer noch die Möglichkeit, es mit der Saugglocke zu holen.

Oder wir nehmen eine Sectio vor, also einen Kaiserschnitt. Das würde ich Ihnen empfehlen, da das für das Kind risikoärmer ist als die Saugglocke. Sie haben ja noch ein bisschen Zeit darüber nachzudenken.

Lächelt freundlich und verschwindet. Mein Blick wandert zum angehenden Vater. Totale Leere starrt mir entgegen. So ähnlich wie Homer Simpson, wenn er versucht sich zu konzentrieren. Sogar die Hautfarbe ist identisch. Mein Blick wandert weiter zur Hebamme. Ein freundliches Lächeln, ein aufmunterndes Zwinkern, und meine Entscheidung steht: Wo bitte geht´s zum OP?

Eine Stunde später.

Der Anästhesist stellt die lokale Betäubung ein. Der Chirurg sprüht mit kaltem Wasser auf meinen Bauch. Spüren Sie das noch? Äh . . . ich bin mir nicht sicher . . . Besser jetzt nicht sicher sein, als nachher, wenn er das Skalpell ansetzt. Ich bin ja nicht doof. Und spüren Sie das noch?

Neben mir zieht jemand hörbar die Luft ein. Äh . . . nee, ich hab nichts gespürt. Glaub ich.

Wenn Sie das nicht gespürt haben, dann spüren Sie gar nichts mehr.

In diesem Moment bin ich mir sicher, dass der Chirurg hinter seiner Maske lächelt . . . aber irgendwie werd ich das Gefühl nicht los, dass es diesmal kein aufmunterndes Lächeln ist.

40 Minuten später.

Noch bevor ich fragen kann, ob mein Kind gesund ist, kann ich es schon hören. Sehr laut sogar. Und es hört gar nicht mehr auf. Kein zaghaftes leises Weinen, eher ein wutentbrannter Schrei. Der anhält, und anhält und anhält …

Der Chirurg schreit auch. Damit wir ihn über die Entfernung hören können. Es ist gesund, also die Lungen auf jeden Fall. Und es ist ein Junge.

Und dann noch leiser hintendran gefügt, aber trotzdem hörbar . . .

Mit dem werden Sie ganz sicher noch viel Spaß haben …

Stimmt.“

04.01.2012 - 08:30 Uhr

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