06.08.2012 Drucken Empfehlen
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Das lebende Pop-Museum

Die Beach Boys in der Schleyerhalle mit 50 Songs für 50 Jahre

Good Vibrations? Viele wunderbare Schwingungen und auch ein paar verstörende: die Beach Boys auf Tour im Jahr 2012. Geschichten, Erinnerungen und Musik aus 50 Jahren wirbeln wunderlich durcheinander.

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MAGDI ABOUL-KHEIR

Stuttgart "The good times never have to end, / and nows the time to let them happen again."

Artikelbild: Die Beach Boys in der Schleyerhalle mit 50 Songs für 50 Jahre Eine Illusion, aber eine schöne oder doch zumindest eine berührende: Die Beach Boys 2012 mit ihrem kreativen Kopf Brian Wilson (links), der nahezu unbewegt am Flügel sitzt. Fotos: dpa

Die Beach Boys auf ihrem aktuellen Reunion-Album.

Man möchte schreiben, dass dieser Abend wie aus der Zeit gefallen ist, oder dass die Zeit angehalten, die Uhr gar zurückgedreht wurde - aber das wäre ein Lüge.

Nicht, dass Lügen, Brüche und Widersprüche nicht zu den Beach Boys passen würden. Im Gegenteil: Dieser Auftritt in der Schleyerhalle vor 9000 bewegten, sich wohlig bewegenden Fans ist voller Widersprüche. Aber diese sind in den fünf Jahrzehnten so groß, so überlebensgroß geworden, dass man sie nicht auflösen kann und es auch nicht mehr muss. Diese Widersprüche machen die Beach Boys aus.

Da wird in alten Liedern der Westküstenmythos mit ewigem Sonnenschein, ewiger Jugend und ewiger Vitalität beschworen - und der Blick auf die Herren entlarvt die Botschaft als schmerzlichen Trug. Da schwappen "Good Vibrations" wie süffigster Pop durch die Halle - doch ist es eine minisinfonische Collage, an der einst Monate gewerkelt wurde. Da wird vom Surfen, real und als Lebensmetapher, gesungen - dabei sind diese Boys nicht mal gern geschwommen. Und da wird ein 50-jährige, familiäre Geschichte inszeniert - wo doch Streit, Prozesse, Handgreiflichkeiten immer wieder an der Tagesordnung waren.

Ja, es wird an einer glücklichen Zeit festgehalten, die mehr als ein halbes Menschenleben vorbei ist. Im Fall vom kreativen Kopf Brian Wilson mehr als ein halbes Menschenleben voller Drogen, Psychopathologie, Isolation. Wer wollte das alles tatsächlich im Sinne einer stringenten, simplen Geschichte auflösen wie in einem Dur-Akkord?

Aber wer steht da überhaupt auf der Bühne, wer sind diese Beach Boys 2012? Es sind, nach dem Tod der Wilson-Brüder Dennis und Carl, noch drei Gründungsmitglieder dabei, Al Jardine (69), Mike Love (71) und Brian Wilson (70), zudem Bruce Johnston (68) und David Marks (63), die auch schon seit den 60ern immer wieder mit der Band unterwegs waren. Und dahinter spielt eine Neun-Mann-Band: Sie macht heute letztlich die Musik.

"Do It Again", ein passender Auftakt. Die Band legt los, nicht immer rasant, aber sehr professionell, klanglich satt, der Sound in der Halle ist bestens ausbalanciert. Die alten Herren treten hinzu, als Letzter, wie ein Boxer wird er angekündigt, "Briiiaaan Wiiiilsoooon!" Aber wie ein angeschlagener Boxer tapert er gleich in seine Ecke, also an die Tasten. Er singt mit, im Lauf des Abends wird die Stimme immer geschmeidiger, ab und zu spielt er einhändig auf dem Flügel mit, aber meist lässt er seine eigenen Flügel hängen: Die Arme baumeln an ihm wie abgestorben herab, ganz selten hebt er sie, noch seltener geht eine Regung durch sein Gesicht. Starr, wie narkotisiert, eine Musikmumie.

Aber natürlich: Dieser genialische Songwriter, den einfache Ohrwürmer früh langweilten und der schon 1964 drei Nervenzusammenbrüche hatte, dieser weltentfremdete Studiotüftler, der der Pop-Welt 1966 mit "Pet Sounds" ein vollendetes und dann mit "Smile" ein jahrzehntelang unvollendetes Meisterwerk schenkte, dieser vernebelte, verletzte, kaputte, müde Mann hat geschluckt, was die Drogenszene hergab und dazu ganze Apothekenbestände, er hat sich verbarrikadiert und ein Herr von Psychoanalytikern verschlissen. Nun sitzt Wilson 2012 live mit den Beach Boys auf der Bühne, auch dreimal in Deutschland - mehr geht gar nicht.

Man könnte, böse, von "betreutem Singen" sprechen, so wie die alte vor der jüngeren Band steht. Aber der Auftritt ist nicht nur berührend, er ist entwaffnend, beschwingend, ansteckend. Und hat diese Band nicht Hits wie Sand am Meer gehabt? "Help Me, Rhonda", "California Girls", "Barbara Ann", "Surfin" U.S.A.", "Wouldn"t It Be Nice", sie kommen alle. 50 (!) Lieder - wohl für die 50 Jahre. Ja, "Fuuunfzick . . . äh . . . Jaarräh", ruft Mike Love. Ein halbes Jahrhundert, das ist eigentlich sogar für Selbstironie zu lang, und doch kündigt er mal kichernd einen "Song von 1872" an, und nach 15 Minuten witzelt er, man brauche nun eine Pause. Die kommt aber erst nach knapp eineinhalb Stunden, nach dem gefeierten "I Get Around", bei dem keiner in der Halle auf seinem Platz sitzen bleibt. Doch, einer, Brian Wilson.

Es ist fast zu viel, was da an Guter-Laune-Doo-Wop in ausgeklügeltem Chorgesang geboten wird. Zumal es in den früheren Liedern nur um die drei wichtigsten Dinge des Lebens geht: Surfen, Mädchen und . . . nun, es waren wohl nur zwei Sachen. Halt, doch, Autos noch - aber nur, wenn sie Frauennamen tragen. Die Coverversionen, etwa "California Dreamin" könnten sie freilich einfach weglassen, sie haben genügend eigene kalifornische Träumerei im Programm.

Dann, nach der Pause, erklingen tatsächlich Kompositionen aus "Pet Sounds", aus "Smile", ausgefeilte, komplexe, filigrane Pop-Kunstwerke. Leiser wird es, in all dem Jubel. Wilson singt "God Only Knows" und sein Bekenntnis "I Just Wasnt Made For These Times", bewegend.

Schließlich kehren die Surf-Hits zurück, nach drei Stunden endet die Show mit "Fun, Fun, Fun". Spaß? Ja. Vor allem aber Freunde, Dankbarkeit, großes Wundern, Staunen und die Erkenntnis, dass Widersprüche Wahrheit bedeuten.

06.08.2012 - 08:30 Uhr

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