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Gaga-Ladies, Sonnenkinder und Retroianer

55 000 Besucher beim Southside Festival

Die Sonne lachte den Besuchern des Southside Festivals dieses Jahr fast die ganze Zeit, und auch musikalisch wurde den 55 000 Gästen zwischen Feinkost und Remmidemmi so ziemlich alles geboten.

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UDO EBERL

Neuhausen ob Eck Viele Wochen vor dem Start war das Southside Festival in diesem Jahr mit 55 000 Besuchern bereits ausverkauft. Das Großereignis in Neuhausen ob Eck ist zum Kulttreff von bereits zwei Generationen geworden. Auf dem Campingplatz entlang der nach Rockstars benannten Gassen: Zelte, so weit man sieht. Nur die Hausnummern fehlen, aber dieses Open Air ist ja auch der zeitlich limitierte Gegenentwurf zur Kehrwoche und zum von Karriereplänen und festgefahrenen Strukturen zerfressenen Alltag. Raus aus dem Trott, rein in den Rock. Anders sein oder so, wie man immer sein wollte - vier Tage echtes Lebensgefühl, so intensiv gespürt, so exzessiv zur Spitze getrieben, dass viele der Bands nur zur Begleitmusik werden können.

So wird das Southside, das sich in diesem Jahr beim Haupteingang über großen Lettern selbst eine Krone aufsetzt, zum Meeting für Gaga-Ladies und Crazy-Boys. Hier kann man sich zum Affen oder Clown machen, Klamotten und Perücken aus der Asservatenkammer des Schreckens überziehen, ohne dafür nur den leisesten Blick der Entgeisterung zu ernten. Selbst die ambitionierten Bemühungen der Veranstalter, mit leuchtenden Kunstgeschöpfen mehr Farbe ins Festival zu bekommen, wirken im Vergleich zur grenzenlosen Fantasie der Besucher bemüht. Einheitlich scheint zumindest am Festivalsamstag allein die sonnenbedingte Rötung der Haut zu sein. Aber wer rechnete auf der Hochebene nahe Tuttlingen zuletzt noch mit Brandgefahr. Gummistiefel statt Lichtschutzfaktor 30 hieß in den vergangenen drei Jahren die Devise.

Als der laue Wind das Kleid von Florence Leontine Mary Welch umschmeichelt, die mit ihrer Band "The Machine" auf der Bühne fast unwirklich scheint, weiß man: Alles passt. Eine Popikone mit starker Stimme - ein Sonnenkind im Element lässt am Ende gar das Publikum hüpfen. Dagegen spielt "Oasis"-Legende mit Noel Gallagher mit seinen "High Flying Birds" selten cool und ohrwurmig gegen König Fußball an. Die deutschen Ballkünstler bleiben in diesem Fall Punktsieger. Gallagher rutscht trotz sichtbarer Lücken auf dem Platz dennoch ein knappes "Nice Day" heraus. Fluchen sollte eigentlich Marcus Mumford, denn: "Ich hab mir die Hand gebrochen". Nix da mit Gitarre spielen, aber die Stimme bleibt. Und göttliche, countryfizierte Folksongs wie "Little Lion Man" oder "The Cave" lassen die Akustikband "Mumford & Sons" zu einem Höhepunkt des Festivals werden.

Mit neuem Konzept - "Wir machen Ansagen und spielen Songs dazwischen" -, vielen Stücken vom neuesten Album und bewährten Gassenhauern werden "Die Ärzte" zum nächtlichen Partymagnet. "Ist das noch Punkrock? Ich glaube nicht", singt Farin Urlaub, macht unrockbar guten Lärm gegen Nazis, und der Himmel wird blau. Die Drei sind die Platzhirsche, ob in Neuhausen, Westerland oder am Wannsee. Ein wenig mithalten können da nur "Justice" als Hohe Priester des Elektrorock. Das DJ-Duo zeigt mit pumpenden Beats und knallharten Riffs, dass es noch ein Leben jenseits der entseelten Popmaschinenwelt eines David Guetta gibt.

Die Chemnitzer Überflieger und Rockrapper Kraftklub lassen alle Partydämme brechen, wie später auch K.I.Z., die mit Gastsänger Bela B die Hölle einfrieren lassen und nur beim Versuch, die Deutschlandfahne anzustecken, scheitern. Bei den Singer-Songwriterinnen von "Boy" ist das gewaltige Achtmaster-Zelt einmal mehr überfüllt - wie später auch bei den großartigen Beirut -, während die Jam-Rocker "The Mars Volta" zum Platzleerer werden. Doch das Beste kommt noch. Zunächst "The Shins" mit flauschig schönem Indie-Pop, dann "The XX" aus London mit großartigen Zutaten wie Elektronika, Wabergitarren und berückender Zweistimmigkeit. Sie lassen inmitten des Festival-Remmidemmis die Zeit still stehen. Der besondere Moment. Ein Hoch auf die Schüchternheit im Pop.

Von dieser wollte Robert Smith, der "The Cure" ist, noch nie etwas wissen. Mit bewährten Zauselhaaren und dem bisweilen weltentfremdetem Gesichtsausdruck des gealterten Travestie-Künstlers erteilt er dem Publikum um die 20 Geschichtsunterricht. Ja, so war das in den 80ern. Doch die musikalische Zeitreise mit seltsam auf Hochglanz polierten Songs und ohne die Spur von Friedhofserde unter den Fingernägeln trägt nicht auf Dauer. Nein, peinlich ist das nicht, aber auch nicht wirklich prickelnd. Und "New Order"? Irgendwann darf die Verneigung vor der Pop-Vergangenheit dem Kopfschütteln weichen.

25.06.2012 - 08:30 Uhr

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