Reutlingen. Wenn in letzter Zeit immer wieder die Emotionalisierung, Verweichlichung und Planlosigkeit als Schwäche einer Generation junger Männer beklagt wird, kann der Liedermacher Gisbert zu Knyphausen als Inbegriff dieser Generation verstanden werden. Studienabbruch, Auswanderung aus der hessischen Provinz nach Berlin, dann nach Holland, weil Berlin doch nicht so toll ist, dann nach Hamburg und schließlich doch lieber wieder nach Berlin.
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Der 32-Jährige wirkt sensibel und schüchtern, aus seinen Liedern sprudeln Selbstreflexion, Melancholie und Verärgerung über die Gesellschaft, die es einem so schwer macht. Und mindestens jeder zweite Song ist ein Liebeslied.
Als Gisbert zu Knyphausen (er heißt wirklich so) vor zwei Jahren auf dem Tübinger Singer-Songwriter-Festival gastierte, muss er einen bleibenden Eindruck in der Region hinterlassen haben. Sein Konzert am Dienstag im Reutlinger franz. K war schon im Voraus restlos ausverkauft.
Im Vorprogramm trat Daantje & the golden Handwerk aus Stuttgart auf. Gefühlvoll, gedrückt und gehaucht legt sich über ein Zupfmuster eine Stimme, die als ersten Vers des Abends den unerwarteten Satz „Ich habe Rhabarber gezüchtet“ hervorbringt.
Daantje wird von der Knyphausen-Band (E-Gitarre, Bass, Schlagzeug, Banjo, Pedal-Steel-Guitar) unterstützt, und sein stilistisches Spektrum reicht von psychedelischen und volkstümlichen Einschlägen bis zum Indie-Rock. In seinem Programm überwiegen aber die gefühlvollen Balladen. In diesen singt er so schöne Zeilen wie „Ich brauche die Ruhe, um sie mit Dir zu stören“ oder „Das ist alles, was wir haben, und das ist weiß Gott genug“. Und dann nimmt man ihm auch gerne ab, dass das Rhabarberzüchten eine tiefgründig-symbolische Bedeutung hat.
Gisbert zu Knyphausen lässt auf sich warten. Wenn er schließlich auf die Bühne tritt, entlädt sich Vorfreude der rund 600 Gäste in tosendem Beifall. Seine Texte sind mal kryptisch und tiefgründig („aus dem Staub deiner Trümmer wird die Zukunft geboren“), mal melancholisch-schwermütig („was bleibt, ist die Erinnerung an eine Zeit, die so viel schöner war als jetzt“) und manchmal romantisch („ich bin ein Freund von Klischees und von funkelnden Sternen“). Wenn er diese Zeilen singt, beißt sich seine Stimme ganz subtil mit dem Klanggerüst seiner Band.
Besonders gut ist Knyphausen, wenn er in seinen Liedern in Zynismus verfällt („ich will dabei sein, wenn das alles explodiert“), seine latente Aggression durchbricht, und Kraftausdrücke durch die romantische, sensible Oberfläche preschen. Musikalisch widerspiegelt sich das dann in der Sprengung der Genre-Grenzen: Lieder, die so sanft mit Akustikgitarren-Zupfmuster beginnen, entwickeln sich zu schweren Indie-Rocksongs.
Das Singer-Songwriter-Grenzwächtertum ist hier wie weggeblasen, und das tut einfach gut. Nach einem aufwühlenden und hochwertigen Konzert mit frenetischem Beifall und einigen Zugaben steht fest: Wenn Gisbert zu Knyphausen nun als typischer Vertreter seiner Generation herhalten muss, dann ist er vor allem Beweis dafür, dass Emotionalisierung nicht deren Schwäche, sondern Stärke ist.