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Der Reiz des strengen Pop-Korsetts

Kettcar und ihr großartiges neues Album "Zwischen den Runden"

Die Hamburger Band Kettcar überrascht auf "Zwischen den Runden" mit fast schon chansonhaften Stücken. Ein Interview mit dem Sänger Marcus Wiebusch über den Mut, Neues auszuprobieren.

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UDO EBERL
Artikelbild: Kettcar und ihr großartiges neues Album "Zwischen den Runden" Spielen live in Stuttgart: Marcus Wiebusch (vorne rechts) und die Mannen von Kettcar. Foto: Andreas Hornoff

Eure Stücke sind auf "Zwischen den Runden" in feine Arrangements gehüllt. Ist dies ein Ergebnis der Akustik-Tour oder der Band-Reife?

MARCUS WIEBUSCH: Nach dem düsteren Vorgängeralbum "Sylt" wollten wir eine Gegenbewegung einleiten. Wir wollten alles offen halten und ein möglichst heterogenes Album schaffen.

Und das hörbar mit viel Feinarbeit im Studio.

WIEBUSCH: Dieses klassische Ding - vom Proberaum ins Studio gibts schon lange nicht mehr. Wir arbeiten am Rechner, tauschen unsere Dateien untereinander aus und entwickeln so die Stücke. Das sind oft monatelange Prozesse.

Einige der Lieder klingen wie Popchansons.

WIEBUSCH: Ja, das trifft es ganz gut. Kategorien wie Indie-Rock interessieren uns einen Dreck. Viele Textideen brauchten ein spezielles Gewand, und wir haben dafür die Musik geschrieben, die sich gut angefühlt hat. Ich selbst habe auch viel Leonard Cohen, Bob Dylan oder die Beatles gehört und weniger Indie.

Sie gehen aber das Risiko ein, Fans zu vergraulen.

WIEBUSCH: Wir machen uns nicht so viele Gedanken über Plattenverkäufe oder darüber, ob wir unsere Fans verschrecken könnten. Wir wollen uns treu bleiben, da können wir es nicht jedem recht machen. Und mal ehrlich: Es gibt nichts Öderes als ewige Wiederholungen.

Nie waren die Texte von Kettcar so hintersinnig und von Tiefe geprägt. Geht Ihnen die Poplyrik leicht von der Hand?

WIEBUSCH: Nein, die Suche nach Ideen ist geprägt von Zweifeln, und textliche Sturzgeburten habe ich schon lange nicht mehr. Der Reiz, mit einem strengen Pop-Korsett zu arbeiten, ist immer noch sehr groß. Man kann in nur drei Minuten ein Punchline-Feuerwerk der besten Sätze abfeuern.

Mit "Schrilles, buntes Hamburg" hat die Band zwischen Stücke im Streicher-Gewand fast ein Protest-Rock-Stück gestellt.

WIEBUSCH: Das musste einfach raus. Dieser so genannte Zeitgeist, der dafür sorgt, dass für ein Leuchtturmprojekt wie die Hamburger Elbphilharmonie immer mehr Millionen versenkt werden und das auf Kosten wichtiger Kultureinrichtungen, ist ein absolutes No-Go. Wie auch die Verwertungslogiken, denen Künstler heute unterworfen sind. Kunst muss als wichtig anerkannt sein und gefördert werden.

Info Die Stücke des Albums "Zwischen den Runden" (Grand Hotel van Cleef) sind am Sonntag, 26. Februar, im Stuttgarter LKA Longhorn live zu erleben.

10.02.2012 - 08:30 Uhr

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