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Beständige Rebellen

Rolling Stones seit 50 Jahren auf der Bühne

Sie sind die erfolgreichste Rockband, und sie sind auch eine der dienstältesten. Am 12. Juli 1962 traten Mick Jagger & Co. im Londoner Marquee-Club das erste Mal unter dem Namen Rolling Stones auf.

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HELMUT PUSCH

Deutschland Mitte der 60er Jahre. Das Land war geteilt, nicht nur in die Bundesrepublik und die DDR, auch mitten durch beide Staaten verlief eine Grenzlinie - zwischen den Fans der Rolling Stones und der Beatles. Die einen trugen noch smarte Anzüge zu ihren Bubiköpfen, die anderen bereiteten den Weg zum harten Rock, gefielen sich in der Rolle der Rabauken und deuteten Sex und Drogen in ihren Songs nicht nur an.

Artikelbild: Rolling Stones seit 50 Jahren auf der Bühne

Dabei waren die Rolling Stones rückblickend betrachtet die viel konservativere Band. Schließlich starteten Mick Jagger & Co. 1962 noch als reine Bluesband ihre Karriere. Nur: Der Blues war damals für junge britische Musiker alles andere als traditionell. Das war für sie neue Musik, die einer zeitgemäßen Interpretation harrte, die zudem in ihrer amerikanischen Heimat als jugendgefährdend verpönt war.

Und so bestritten die Rollin Stones - damals noch mit Apostroph - ihr erstes Konzert mit Klassikern wie Robert Johnsons "Dust My Broom", "I Want You To Love Me" von Muddy Waters und Chuck Berrys "Back In The USA ". Auch die Besetzung der Band war eine andere als die des Erfolgsquintetts der Mittsechziger Jahre: Neben den Glamour-Twins Mick Jagger und Keith Richards standen Brian Jones, Dick Taylor, Ian Stewart und Tony Chapman auf der Bühne.

Bassist Taylor verließ die Band, um sich auf sein Studium zu konzentrieren und gründete später die "Pretty Things". Bill Wyman ersetzte ihn im Dezember 1962. Pianist Stewart musste die Band verlassen, weil er nach Meinung von Manager Andrew Loog Oldham optisch nicht in die Gruppe passte. Schlagzeuger Chapman stieg ebenfalls aus und wurde im Januar 1963 durch Charlie Watts ersetzt. Das war die eigentliche Geburtsstunde des Stones-Sounds, wie auch Stones-Boss Mick Jagger mal in einem Interview erklärte: "Jeder von uns ist ersetzbar. Aber wenn Charlie nicht mehr am Schlagzeug sitzt, dann klingen die Stones nicht mehr wie die Stones."

Recht hat er. Aus diesem Grund feiert die Band ihr Jubiläum auch erst im kommenden Jahr, 50 Jahre nach Watts Einstieg, mit einer Welttournee. Und was heißt hier eigentlich Boss? In der Rolle gefällt sich Mick Jagger zwar seit Jahrzehnten und als Frontmann ist er auch der Sprecher der Band, doch soll der stets elegante Charlie Watts, der Gentleman der Band, die Rangfolge einmal klargestellt haben: Dieser Anekdote zufolge feierte die Band nach einem Konzert ausgelassen in der Hotel-Lobby. Nur einer fehlte: Charlie Watts. Jagger rief in dessen Zimmer an, brüllte "wo ist mein Drummer?" Charlie Watts stand auf, kleidete sich sorgfältig an, überprüfte im Spiegel sein Aussehen, fuhr hinunter in die Lobby zu Mick Jagger, packte ihn am Kragen und gab ihm Bescheid: "Nenn mich nie wieder deinen Drummer. Du bist mein gottverdammter Sänger."

Recht hat er. Denn auch wenn viele glauben, die wichtigste Konstante des Stones-Sounds seien Jaggers markant-nölige Stimme und Richards typische, stets um ein Achtel verschleppte Gitarre, den unvergleichlichen Groove der Band steuert ein anderer bei: Charlie Watts mit den rumpelnden Trommeln seines alten Gretsch-Schlagzeugs und seiner etwas seltsamen Technik, beim Snareschlag die Hihat wegzulassen.

Doch was macht diese Band so unverwüstlich? Was sorgt dafür, dass mittlerweile vier Generationen zu ihren Konzerten kommen? Die Musik allein kann es nicht sein, denn bei aller Liebe: Auch wenn Jagger und Richards in den vergangenen Jahrzehnten so manchen genialen Song geschrieben haben, was die Stones live so abliefern, ist bestenfalls mittelmäßiges Handwerk.

Aber sie waren im vergangenen halben Jahrhundert allgegenwärtig. Hatten ihre schlimmen Momente, etwa als Brian Jones 1969 tot im Pool seines Hauses aufgefunden wurde, als noch im gleichen Jahr beim Festival in Altamont beim Auftritt der Stones der 18-jährige Meredith Hunter vor der Bühne von Hells Angels erstochen wurde. Doch die Band rappelte sich immer wieder auf - trotz der Differenzen ihrer Masterminds Jagger und Richards, die in den vergangenen Jahrzehnten mehr übereinander als miteinander gesprochen haben.

Und die Band wandelte sich - wie ihre Fans. Jagger mutierte zum Fitness-Fanatiker und smarten Businessman, Richards frönt der Selbstzerstörung, sein Gesicht ist eine Wüste, wirkt, als hätten sich auf ihm die Zeitläufte seit 1962 abgespielt. Irgendwie stimmt das ja, denn was auch passierte, die Stones waren immer irgendwie da, dienten als Projektionsfläche - vom Manager bis zum Sozialhilfeempfänger - und waren mit ihrem typischen Sound auch ein Garant für Beständigkeit.

Und: Ohne die Stones sähe die Welt wohl ein wenig anders aus. Sie waren es, die via englischer Blues-Renaissance den Schwarzen Amerikas zu etwas mehr Selbstbewusstsein verhalfen, sie waren es, die den Mief der 50er Jahre mit ihren Songs aber auch mit ihrem Rebellentum vertrieben, sie waren es, die vorlebten, wie man gegen Regeln verstößt und nicht nur glimpflich davonkommt, sondern sogar dafür gefeiert wird - bis heute.

Und im kommenden Jahr werden sie wohl wieder auf Tournee sein, in ausverkauften Stadien, vor einem Publikum von acht bis 80 Jahren, und erklecklich mehr einnehmen als bei ihrer letzten Tournee. Da waren es 558 Millionen Dollar gewesen. Nicht schlecht für ein paar Jungs, die vor 50 Jahren angetreten waren, um ein bisschen Blues zu spielen.

06.07.2012 - 08:30 Uhr

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