Unseren jährlichen, dreitägigen Grachmusikoff gib uns Ende Dezember!
Die drei Termine gegen Ende Dezember stehen mittlerweile wie festgemeißelt im Tübinger Kulturkalender: Grachmusikoff im Sudhaus, muss man noch mehr sagen?
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michael sturm
Wo ist Igor? An den Tasten? Hier sieht man Boris (Alexander Köberlein) und Nikita (Hansi Fink) Grachmusikoff, zwei von drei Bandgründern. Bild: Metz
Diebenga“ ist eine rare Vokabel im Songkatalog von Grachmusikoff. Hier ging es den Brüdern Georg und Alexander Köberlein, sowie Hansi Fink, ihrem Kindergartenkumpel und Gitarristen wohl stets gut genug – die schwäbische Bildungsmetropole und der Blues, das beißt sich irgendwie. Am Montag begannen Grachmusikoff ihre jährlich zwischen Weihnachten und Neujahr anfallende Serie von drei Konzerten am Stück im Sudhaus.
„Schussariad“ taucht im Vokabular der Band wesentlich häufiger auf. Dort wuchsen die Zwillingsbrüder Köberlein und auch Fink auf. Was sie als Jugendliche erfuhren, prägte sie offenbar so stark, dass heute noch Lieder über die damalige Zeit entstehen. An diesem Abend hat ein Lied von Alex Köberlein über einen sadistischen Lehrer Premiere: „Die Scheiß-Erinnerung an uns.“ Ein etwas sperriger Titel.
Die Brüder Igor, Boris und Nikita Grachmusikoff, wie sich die Köberleins und Fink ursprünglich nannten, gehörten zu den Ersten, die das Potenzial der schwäbischen Sprache, in welcher Rohheit und Zärtlichkeit Hand in Hand gehen können, für Rock und Blues entdeckten. Neben den Jugenderinnerungen und den politisch bewegten Zeiten der 70er-Jahre zogen die Köberlein-Brüder stets Beobachtungen von Charakteren in ihrer Umgebung als Grundlage für ihre Stücke heran.
Musik und Texte der Formation wurzeln in der oberschwäbischen Heimat des Kerntrios der Band. So sinniert Georg Köberlein über die Weichheit der heimatlichen Landschaft, ehe er einen frühen Klassiker des damals akustischen Trios singt: „Sie isch aus Bad Buchau, I aus Schussariad / koiner hot se wella, aber I han se kriagt.“ Erst durch die plötzliche Popularität von Schwoißfuaß, Alex‘ ursprünglichem Nebenprojekt wurde Grachmusikoff zur Rockband. Der damalige Bassist Zimmi Zimmermann stand im Sudhaus als Tontechniker am Mischpult. Dessen wundervoll melodiöser Nachfolger Michel Stoll und Schlagzeuger Martin Mohr sorgten für den zwingenden Groove, der Gitarrist Hansi Fink ermöglichte, die alten Stücke atmosphärisch aufzuladen und neu zu interpretieren.
So kamen auch ein paar Titel von Schwoißfuaß in neuem, entstaubtem Gewand daher – ohne ihre damalige Magie einzubüßen: „Wasserkopf“, „Rastaman“, oder „Oiner isch emmer dr Arsch“ ziehen nach wie vor. „Nacht ohne Froga“ im besonderen taugt für ein klein wenig Gefühlsduselei: Fink übernahm den Bass und wurde so zum optischen Wiedergänger von André Schnisa, dem legendären Schwoißfuaß-Vordenker. Aus dessen Feder stammte auch „Paule Popstar“. Dass hier ein Einsatz verhunzt wurde, erkannte das Publikum nur daran, dass sich die Musiker angrienen und sich gegenseitig („Ha, Du Seckel!“) dafür verantwortlich machen.
Die Stimmung unter den Fünfen auf der Bühne ließ überschwängliche Sentimentalität jedoch kaum zu. Vielmehr traf eine spielfreudige Band auf ein gemischtes Publikum: Serientäter, die wohl jedes Jahr ins Sudhaus kommen, mischten sich mit jüngeren Semestern. Manche davon hatten Grachmusikoff, vielleicht auch die Mentalität der Schwaben, erst vor kurzem entdeckt. Sie dürften das Sudhaus als überzeugte Fans verlassen haben.
Vor allem, nachdem Georg Köberlein seinen Astral-Oberkörper als Model für ein Band-T-Shirt hergab – dass es sich dabei um ein Modell für die Damenwelt handelte zog möglicherweise umso mehr: Der Bauch zog den Ausschnitt des Webwerks halt etwas nach unten.
Bei so viel Amüsement und ausreichlich langem Klatschen des Publikums blieben Zugaben nicht aus. Auf alte Klassiker wie „Bohnentag“ oder „It‘s Blosmusik“ konnten die Fünf gut verzichten. Die „Indianer“ waren dabei, jenes Stück, das Alex Köberlein als Teil der aus Tübingen und Mössingen stammenden Band Nill samt Dill zum ersten Auftritt in Tübingen, im Ammerschlag, verhalf.
Georg Köberleins „Drägglachablues“, wieder eine Reminiszenz an die Kindheit darf nicht fehlen. Bruder Alex singt es, die frühere Aggressivität im stimmlichen Ausdruck ist jedoch gewichen. „Brennend heißer Wüstensand (Schön war die Zeit)“ rundet das Konzert ab. Ein paar Uralt-Fans danken mit Wunderkerzen. Es wirkt genau so, als würde man während der „Rocky Horror Picture Show“ mit Reis schmeißen, oder zum x-ten Mal während „Dinner for One“ an immer denselben Stellen lachen.
Ganz am Ende wundert sich Alex Köberlein, dass die Fans der Band nach all den Jahren immer noch stets die Treue halten. „Es ist uns immer noch eine Ehre“, sagt er. Man glaubt es ihm.
Info: Grachmusikoff spielt nochmals am heutigen Mittwoch um 20.30 Uhr im Sudhaus-Saal.