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Filder-Gento und Seckel

Hartmut Weiß war in den Bundesligaskandal verwickelt

Hartmut Weiß war erfolgreichster Torjäger des VfB Stuttgart in den ersten Jahren der Fußball-Bundesliga. Seine Karriere endete 1971: Weiß war in den Bestechungsskandal verwickelt.

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Hartmut Weiß lebt noch immer auf den Fildern, in der Nähe des Stuttgarter Flughafens. In seinem Gartenhäuschen bewahrt er seine Erinnerungen als Fußball-Profi auf.

Artikelbild: Hartmut Weiß war in den Bundesligaskandal verwickelt

Weiß, in Schlesien geboren, spielte mit 17 in der ersten Elf des TSV Bernhausen. Früh trainierte er sich Beidfüßigkeit an. In einem Spiel der Filder-Auswahl wurde der kopfballstarke Torjäger vom VfB Stuttgart entdeckt. Sein späterer Mitspieler Horst Köppel taufte den Linksaußen Weiß „Filder-Gento“, nach dem damaligen Stürmerstar von Real Madrid, der auf der gleichen Position spielte.

Als Weiß, der noch als Heizungsbauer arbeitete, 1964 von den Amateuren zur Bundesliga-Elf kam, hatten die Nationalspieler Rolf Geiger, Erwin Waldner und Günter Sawitzki das Sagen. „Die haben Kurt Baluses, den Trainer, abgesägt“, erinnert sich Weiß. Die jüngeren Spieler seien gedrängt worden, eine Petition gegen den Trainer zu unterschreiben: Danach, so Weiß lachend, spielten wieder die Älteren statt der Jüngeren.

Der spätere Weltenbummler Rudi Gutendorf folgte als Trainer. Er förderte Spieler gezielt: Manche ließ er boxen, andere, wie Weiß, mussten Sprint trainieren, um die Grundschnelligkeit zu verbessern. „Und wir mussten Englisch lernen“, erinnert sich Weiß amüsiert. Den Altstar Rolf Geiger habe Gutendorf stets gefragt, wann dieser fit sei. Geigers stete Antwort: „In drei Wochen.“

1968 wechselte Weiß zum Meister des Vorjahrs, Eintracht Braunschweig. Nationaltorwart Horst Wolter, steckte dahinter: „Ich hab scheinbar ein paar Kopfballtore gegen ihn gemacht. Das hat er nicht mehr wollen.“ Beim Abschied aus Braunschweig, zwei Jahre später, verpokerte sich Weiß: Trainer Helmuth Johannsen habe ihn nach Hannover mitnehmen wollen, als ein Angebot von Rudi Gutendorf als Coach von Schalke 04 kam. Nach etwas Bedenkzeit sagte er Johannsen ab – in der Zwischenzeit hatte Gutendorf allerdings schon den späteren Torjäger Klaus Fischer verpflichtet.

Weiß ging zum VfB Stuttgart zurück und schoss in dieser Saison erneut 15 Tore. Die legte ihm in der Hinrunde vor allem Gilbert Gress auf. Der elsässische Star flankte und Weiß schädelte den Ball ins Netz. Abseits des Platzes sei Gress immer wieder zum Angeln in den Schwarzwald gefahren. Oft zusammen mit Trainer Albert Sing, der ihn in der Öffentlichkeit wegen der langen Haare piesackte.

Eigentlich, sagt Weiß, wollte er in dieser Saison in der Abwehr spielen: „Ich wurde mal vor einem Spiel gegen Bayern München fit gespritzt. In der Bild-Zeitung hatten sie ein Foto von meinem Knie drin. Das hat der Katsche Schwarzenbeck auch gesehen. Nach 15 Minuten hat er mir ordentlich eine drauf gegeben.“

1970/71 sollte Weiß’ letzte Saison als Fußball-Profi werden. Er war einer von drei Spielern, die für eine Niederlage des VfB Stuttgart bei Arminia Bielefeld 15 000 Mark bekamen. Er sei dazu gekommen, „wie eine ledige Mutter zum Kind“, so Weiß heute. Jemand sei an Mitspieler Hans Arnold heran getreten. Dieser habe jemanden gesucht, der mitmacht und Hans Eisele gefunden – Eisele war Weiß’ bester Kumpel in der Mannschaft. „Er ist zu mir gekommen und dann war’s schon aus. Wenn Du es weißt, musst Du es eigentlich gleich melden.“

Weiß machte mit, weil ohnehin so viele unterwegs gewesen seien, die Spiele verschoben hätten. „Es war ja auch leicht für uns: Wir hatten ja noch nie ein Spiel im Westen gewonnen. Und wenn ich schlecht gewesen wäre, hätte mich der Trainer ausgewechselt.“ Weiß bestreitet aber, in jenem Spiel in Bielefeld absichtlich einen Elfmeter verschossen zu haben.

Die nachfolgende Zeit hinterließ Spuren, die dem heute 69-Jährigen noch anzumerken sind. „Ich Seckel hab’ Ja gesagt, das ist das Schlimme. Das hab’ ich ewig bereut.“ Das Geld habe er zurückgezahlt. An den DFB, an das Finanzamt und an die Stuttgarter Kickers, die ihn verpflichteten, nachdem ihn der VfB abgeschoben hatte. Das Schlimmste sei gewesen, dass seine Frau und die Kinder beschimpft worden seien.

Weiß wurde gesperrt – auch für den Amateurbereich – ehe er ein Pflichtspiel für die Kickers absolvieren konnte. Er kehrte zu seinem erlernten Beruf als Heizungsbauer zurück. Aufträge von Rolf Geiger, der über Immobilien-Geschäfte Millionär wurde, hielten ihn über Wasser. Hans Arnold, sagt er, habe er nie wieder gesehen. Auf die Frage, ob er je mit einem seiner früheren Mitspieler vom VfB Stuttgart oder von Eintracht Braunschweig – da hatte die ganze Mannschaft Geld angenommen – über den Bundesligaskandal gesprochen habe, schüttelt Weiß nur den Kopf.

Michael Sturm

11.05.2011 - 08:30 Uhr | geändert: 11.05.2011 - 16:39 Uhr

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