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30 Jahre Partnerstadt Tübingens: Petrosawodsk
Das Tübinger Pflockfeld von Bernhard Vogelmann und CHC Geiselhart am Onegasee in Petrosawodsk. Archivbild: Juraschitz
Arrangierte Ehe

30 Jahre Partnerstadt Tübingens: Petrosawodsk

11.10.2017

Vor dreißig Jahren beschloss der Tübinger Gemeinderat, seinen französischen, italienischen, englischen, amerikanischen und Schweizer Partnerstädten eine weitere, die in der Sowjetunion liegen sollte, hinzuzufügen: 1985 war Michail Gorbatschow als Generalsekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Sowjetunion geworden und hatte Glasnost und Perestroika – Öffnung und Umgestaltung – auf die politische Agenda gesetzt. So viel Aufbruchstimmung und Optimismus war selten.

Während bei allen anderen Partnerstädten persönliche Vorlieben oder geographische und historische Ähnlichkeiten eine Rolle bei der Partnerwahl spielten, handelt es sich bei Tübingens mittlerweile russischer Partnerstadt um eine arrangierte Ehe: Die sowjetische Botschaft in Bonn vermittelte Tübingen den Kontakt nach Petrosawodsk in Karelien. Am 10. Oktober wurde die Partnerschaftsurkunde unterzeichnet.

Petrosawodsk verfügt über zwei Universitäten und ist mit fünf Theatern, seinen Museen, mehreren Kinos, Bibliotheken und einem Sommerfestival für klassische Musik das kulturelle Zentrum des ansonsten nahezu menschenleeren Kareliens. Vielleicht hat das die sowjetischen Diplomaten in ihrer Wahl beeinflusst. Viel mehr haben Tübingen und die Stadt am Onega-See nicht gemeinsam.

Petrosawodsk entstand 1703. Da ließ Zar Peter der Große ein Eisen- und Kanonenwerk bauen, mit dem Russland für den Krieg gegen Schweden aufrüsten wollte. Um das Werk herum entstand eine Arbeitersiedlung, die 1777 von Katharina der Großen das Stadtrecht verliehen bekam. Petrosawodsk heißt nichts anderes als „Peters Fabrik“.

Die Stadt war zu Beginn des 19. Jahrhunderts für kurze Zeit ein Bischofssitz, gleichzeitig schickte der Zar gerne politische Gegner dorthin in die Verbannung. 1923 wurde Petrosawodsk Hauptstadt der neu gegründeten Karelischen Autonomen Republik und von 1941 bis 1944 war die Stadt von finnischen Truppen besetzt und nannte sich Äänislinna.

In Deutschland kannte man die Stadt, die 400 Kilometer nordöstlich von Sankt Petersburg liegt, höchstens durch ein deutsches Kriegsgefangenenlager während des Zweiten Weltkriegs. Heute liefern die endlosen Wälder Kareliens das Holz für die Möbelindustrie und die vielen Seenplatten und Flüsse den Fisch für die Fischverarbeitungsbetriebe. Die Natur um Petrosawodsk herum ist gigantisch und ein Paradies für Jäger und Angler. Die Weißen Nächte im Juni, wenn die Sonne nur für zwei Stunden untergeht, sind bezaubernd, die Kälte und die Dunkelheit im Winter muss man vermutlich eher lieben lernen: Die Jahresdurchschnittstemperatur in Petrosawodsk beträgt frische 3 Grad Celsius.

Seit den 60er-Jahren knüpft Petrosawodsk aktiv Städtepartnerschaften, Tübingen ist eine von insgesamt dreizehn. Andere sind La Rochelle in Frankreich und Neubrandenburg, vor allem aber bestehen enge Kontakte zu Städten in Skandinavien und im Baltikum: Petrosawodsk pflegt durch die Nähe zu Finnland nicht nur eine russische, sondern auch eine skandinavische Seele.

Die vielen Partnerstädte haben in der Stadt sichtbare Spuren hinterlassen: Im Gouverneurspark nahe der Uferpromenade stehen viele Skulpturen, die die Sadt von ihren Partnerstädten geschenkt bekommen hat. Auch Tübingen ist mit einem Projekt der beiden Künstler Bernhard Vogelmann und CHC Geiselhart vertreten, das „Tübingen panno“ heißt, was soviel wie „Tübinger Pflockfeld“ bedeutet.

Auch sonst sind die Kontakte zwischen Tübingen und der karelischen Hauptstadt bis heute lebendig und beschränken sich nicht nur auf gegenseitige Besuche von Schulklassen und politischen Delegationen. Auch Bildende Künstler, Theaterleute, Musikerinnen, Filmemacher und Medizinerinnen reisen von hüben nach drüben oder realisieren gemeinsame Projekte – das Veranstaltungsprogramm zum 25-jährigen Jubiläum dieser Städtepartnerschaft konnte prall gefüllt werden. Seit 1997 pflegt die Dietrich-Bonhoeffer-Gemeinde intensiven Kontakt mit der jüdischen Gemeinde in Petrosawodsk und pflegt damit nicht nur den internationalen, sondern auch den interreligiösen Austausch. Und in diesem Jahr besuchte eine Petrosawodsker Kadettenschule die Tübinger Jugendfeuerwehr.

Andrea Bachmann

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11.10.2017, 01:00 Uhr
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