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Baisingen
Aus der Luft und zu Fuß (8)

Baisingen

06.12.2017
  • Andrea Bachmann / Bild: Erich Sommer

„Der ansehnliche Ort, der mit Recht zu den schönsten Orten des Bezirkes gezählt werden darf, bildet mit Ausnahme einiger kleiner Abzweigungen nur eine langgedehnte Straße, an der sich etwas gedrängt die meist stattlichen Häuser lagern und auf den ersten Blick die Wohlhabenheit der Einwohner verraten.“ Wer auch immer 1865 diesen kleinen Text über Baisingen verfasst hat, muss beeindruckt gewesen sein. Das große Schulhaus war da bereits 20 Jahre alt und Baisingen gehörte seit 60 Jahren zu Württemberg.

Zuvor war es eine freie Reichsritterschaft gewesen, die Ortsherren wechselten häufig, bis Baisingen 1696 an die Schenken von Stauffenberg kam.

Länger als die Herren von Stauffenberg lebten hier Juden. Handle, Wolf und David von Baisingen werden bereits 1596 erwähnt. Vermutlich gehörten sie zu denen, die aus Vorderösterreich oder Württemberg vertrieben worden waren und in den Reichsritterschaften eine neue Heimat fanden. Sie stellten sich unter den Schutz der Ortsherren und wohnten in ihnen zugewiesenen Häusern. Zwei von ihnen sind noch heute erhalten.

Die Juden von Baisingen waren Viehhändler oder betrieben kleinere Geschäfte und Handwerksbetriebe. Ab 1778 bestatteten sie ihre Toten auf einem eigenen Friedhof und 1784 bauten sie sich eine Synagoge, deren gewölbte Holzdecke ein prachtvoller Sternenhimmel zierte. Von 1827 bis 1933 gab es in der Kaiserstraße eine jüdische Konfessionsschule. Im 19. Jahrhundert konnten sich jüdische Familien die schönen Häuser leisten, die noch heute das Ortsbild prägen und dem kleinen Dorf ein fast urbanes Flair verleihen. Man kam gut mit der übrigen Bevölkerung aus und wenn einer jüdischen Familie am Schabbat das Feuer ausging, kam eben ein katholischer Nachbar vorbei und fachte es wieder an. 1844, als das Schulhaus gebaut wurde, lebten 234 Juden in Baisingen, was einem Drittel der Gesamtbevölkerung entsprach. Die Synagoge wurde renoviert und bekam eine größere Frauenempore sowie einen neuen Thoraschrein.

Mit Beginn der Nazi-Herrschaft 1933 war Schluss mit dieser besonderen Dorfgemeinschaft. Wer von den noch 86 jüdischen Einwohnern konnte, wanderte aus, die andern wurden deportiert und nur wenige haben den Holocaust überlebt.

Überlebt hat erstaunlicherweise auch die Synagoge. Die wurde zwar am 9. November 1938 schlimm verwüstet, aber niemand wagte es, sie anzuzünden, weil das die Nachbarhäuser zu sehr gefährdet hätte. Nach dem Krieg nutzte man sie als Scheune. Ausgerechnet der Raum unter der Frauenempore, traditionellerweise der Platz für Vorleser und Schule, dient als Schweinestall.

1984 wurde sie, die als eine der schönsten Landsynagogen Deutschlands gilt, etappenweise wieder hergerichtet. Die Spuren der Geschichte – auch die der Verwüstung – wurden dabei bewusst sichtbar gemacht. Bei der Sanierung fand man im Dachstuhl alte Gebetsbücher, Kalender, Gebetsriemen und sogar ein Schofar – das Widderhorn, mit dem das neue Jahr begrüßt wird – und Thorawimpel – liebevoll mit Segenssprüchen bestickte Tücher, mit denen die frisch beschnittenen Buben gewickelt wurden: alles, worauf der Name Gottes steht, wird nicht weggeworfen, sondern in einer sogenannten Genisa verwahrt.

Auf der Frauenempore schildert jetzt eine durch diese Funde unglaublich lebendige Dauerausstellung das jüdische Leben in Baisingen im Lauf der Jahrhunderte. Andrea Bachmann / Bild: Erich Sommer

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06.12.2017, 01:00 Uhr
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