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Kuscheln mit Kakao

Das traditionsreiche Café Bausch könnte zu neuem Leben erwachen

„AufgeBauscht“ heißt das kleine Café in der Neuen Straße, das noch bis zum 6. Januar vor allem Trinkschokoladen von becks cocoa anbietet und damit ein Stück Tübinger Cafégeschichte fortschreibt (siehe auch den Kommentar auf Seite 2).

04.01.2017

Das erste Café gab es in Tübingen bereits 1836 in der Neckargasse. 1897 übernahm der Konditor Nikolaus Spiess eine Schankwirtschaft am Schulberg, baute sie zum Café um und bot dort „feine und feinste Konditoreiwaren“ an. Das war der Auftakt zu einem Siegeszug der süßen Köstlichkeiten zum Kaffee in der Tübinger Altstadt: Vor allem in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts konnte man auf den wenigen Metern vom Lustnauer Tor bis zum Marktplatz praktisch von einer Kaffeetasse in die nächste fallen. Tübingen war eine echte Konditorenhochburg, in der Akademiker mit Geld und Tagesfreizeit, Professorengattinnen und verliebte Studenten viel Zeit bei Kaffee und Gebäck verbrachten: Im Café Völter ließ man sich die „Spezialtorte“ schmecken, Königin Charlotte orderte bei Café Walz „Tübinger Schlosstörtchen“ für sämtliche europäischen Fürstenhöfe und im Café Spiess naschte frau im extra fein eingerichteten Damenzimmer Pralinen und Schokoladedesserts.

Eines dieser Cafés war das Café Bausch in der Neuen Straße. 1908 eröffneten Pauline und Otto Bausch hier eine kleine, exklusive Konditorei. Die wunderschöne Inneneinrichtung aus kanadischer Buche und anderen ausgefallenen Holzarten mit den Art-Deco-Elementen hatten sie auf der Weltausstellung in Paris gesehen und nacharbeiten lassen. Zusammen mit den bunten Fenstern und dem grünen Kachelofen war das in Tübinger Cafékreisen etwas Besonderes.

Die Backstube war im ersten Stock, ein Speiseaufzug beförderte die Waren in den Verkaufsraum und das „Caféle“ im Erdgeschoss. Der Gastraum im ersten Stock war nicht jedermann zugänglich. Hier trafen sich Tübinger Professoren zu Kaffee, Kontaktpflege und zum Arbeiten. Das Arrangement muss ähnlich funktioniert haben wie ein englischer Club, wobei eine Verzehrpauschale Bauschs einen guten Umsatz garantierte.

Bis 1940 betrieben Bauschs gemeinsam mit ihren Kindern und einem Lehrling, Herrn Romann, das Café. Dann kam der Krieg, die Männer wurden eingezogen, Zucker und Butter waren Mangelware und in der Konditorei blieb der Ofen kalt. Nach dem Krieg requirierte die französische Besatzungsmacht das Etablissement und richtete dort für drei Jahre ein Parfumgeschäft ein. Als 1948 die Tochter des Ehepaares Bausch und Herr Romann, mittlerweile ein Ehepaar, das Café wieder übernahmen, sollen die Stoffverkleidungen so nach Parfum gerochen haben, dass sie ausgetauscht werden mussten. Die übrige Einrichtung wurde jedoch beibehalten, genauso wie das „Professoren-Café“ im ersten Stock und die ausgezeichnete Qualität der Konditoreiwaren. Der Großneffe von Frau Romann, Jürgen Retter, erinnert sich: „Meine Tante hat nur beste Zutaten verarbeitet, chemische Zusatzstoffe hat sie schon damals abgelehnt und alles wurde sehr aufwändig verarbeitet. Das Café Bausch hat sich schon abgehoben von den anderen Betrieben.“

Die alte Registrierkasse funktionierte mit toilettenpapiergroßen Rollen. „Das war immer ein Fest, wenn abends der Abschnitt mit den Buchungen einmal quer durch den Laden reichte, das waren etwa 4, 5 Meter.“ Vor allem Weihnachten und Ostern kam das vor, wenn die vielen verschiedenen Häschen und Nikoläuse aus Schokolade oder Zuckerguss reißenden Absatz fanden – es gehörte übrigens in den Bereich sozialer Distinktion, ob man sich die teuren Schokoformen leisten konnte oder mit den preiswerteren roten Zuckerhäschen vorlieb nehmen musste.

1970 war Schluss, Frau Romann musste die Konditorei aus gesundheitlichen Gründen aufgeben. Bis zum Ende der 80er-Jahre fand das Antiquariat Seuffer hier eine Heimat, dann übernahmen die Optiker Martha und Georg Mosbacher den Laden mitsamt der schönen Einrichtung.

Seit die beiden sich in den Ruhestand verabschiedet haben, stehen Haus und Laden leer und warten auf eine neue Bestimmung. Haus und Ladeneinrichtung sind denkmalgeschützt und warten darauf, aus ihrem Dornröschenschlaf wach geküsst zu werden. „Es wäre schade, wenn das schöne Interieur nicht einer passenden Bestimmung zugeführt werden könnte“, meint der mit der Renovierung beauftragte Architekt Wilfred Bauer. Das ganze Haus ist renovierungsbedürftig, im April hat er die Baugenehmigung eingereicht. „Das ist schon sinnvoll, das man das erhält.“

Zur ChocolArt zog Michael Beck mit einem süßen Pop-Up-Café ein, das noch bis zum 6. Januar geöffnet sein wird. „AufgeBauscht“ heißt das winzig kleine Lädchen, in dem man Kakao mit Earl-Grey- oder Lavendelaroma oder Kaffee bekommt. Neben seinen eigenen Kakaospezialitäten, die er unter dem Label „beck’s cocoa“ vertreibt, bietet der Kakaofabrikant seine Tafelschokolade von Original Beans an. Hier steckt hinter jeder Sorte fairer Bioschokolade ein besonderes soziales oder ökologisches Projekt. Der Spezialist für feine, aromatisierte Trinkschokoladen hatte sechs Jahre lang einen Stand auf dem Marktplatz, wo er etwa 50 Prozent des gesamten Kakao-Umsatzes der ChocolArt machte. „Das war wahnsinnig aufreibend und deshalb fand ich die Idee von Hans-Peter Schwarz super, hier in den leeren Laden zu ziehen.“ Dem Zauber des Ortes war Beck sofort verfallen. „Wir brauchen etwas, wo wir uns reinkuscheln können. Jeder hatte in seiner Kindheit eine Oma, die ihm Kaba gekocht hat.“ Das Café Bausch könnte solch ein Ort werden, in dem Langsamkeit und Genuss wieder wichtig sind. Vielleicht eine netzfreie Zone, in der man sein Handy abgibt wie die Waffe im Saloon. Auch die Clubatmosphäre im ersten Stock könnte man wieder aufleben lassen: „Mit Arbeitsplätzen und Kaffeeflatrate.“ Patisseriekurse in der alten Backstube, Frappé und Schokoladeneis im Sommer - Michael Beck sprudelt über vor Ideen. Auf dem Dachboden hat er ein paar alte Schätze entdeckt: Papiertütchen, Pralinenschachteln, Marzipanmodeln und die alte Registrierkasse. Die Dinge duften teilweise noch nach Schokolade.

Das Café Bausch könnte für ihn eine Art sein, die Vergangenheit und die Gegenwart wieder zusammen zu bringen. Dafür müssten die vielen Einfälle zu einem Konzept werden, das langfristig funktioniert. Aber da ist Michael Beck zuversichtlich: „Ich war nie ein Start-upler,
der nach einem schnellen Gewinn alles wieder abstößt. Und was ich am besten kann, ist „Marke“.“ Andrea Bachmann

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04.01.2017, 01:00 Uhr
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