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Lavendel, Myrte, Thymian

Der Garten im Mai: Kräutergarten mit Mystik

10.05.2017

Denn wie auch immer dein Landbesitz geartet ist, nie weigert er sich, die Früchte einheimischer Pflanzen zu tragen, wenn nur deine Sorgfalt nicht in lähmender Trägheit ermattet und du dich nicht in törichtem Leichtsinn gewöhnst, die schwieligen Hände in scharfer Luft sich bräunen zu lassen, und dich nicht davor drückst, Mist aus vollen Körben auf dürres Erdreich zu streuen.“

Das schreibt Wahlafried Strabo, von 842 bis 849 Abt auf der Klosterinsel Reichenau im Bodensee, 825 in einem Lehrgedicht über Gartenkunst. In 444 Hexametern beschreibt der Mönch 24 Heilkräuter und Küchenpflanzen. Der Hortulus der Benediktiner auf der Reichenau ist so etwas wie die Wiege der europäischen Gartenkultur und er wird heute noch so angelegt wie zu Strabos Zeiten: 16 gleich große Beete werden von acht länglichen Beeten eingerahmt, auf jedem Beet wächst nur eine Art, damit es keine Verwechslungen gibt.

Zu den Pflanzen in diesem ersten Kräutergarten gehören so unbekannte Arten wie Andorn oder Odermennig, aber auch das Maggigewürz Liebstöckl oder Minze sind darunter.

Man kann hinfahren und sich von der klösterlichen Atmosphäre dieses Ortes inspirieren lassen. Weniger aufwändig ist ein Besuch im Kloster Bebenhausen: Dort knüpft man im stimmungsvollen Kräutergarten an die Tradition der mittelalterlichen Klostergärten an. In Workshops wird allerlei Wissenswertes über Gewürzkräuter und Heilpflanzen vermittelt. Wer auf den Geschmack gekommen ist, unternimmt noch weitere Gartenexkursionen im Tübinger Tagesausflugsbereich. Zur Kräuterwelt von Alb-Gold nach Trochtelfingen zum Beispiel oder in den Heilpflanzengarten in Bad Boll, wo die Rohstoffe für die Kosmetikprodukte von Dr. Hauschka gedeihen. Oder in einen anderen der 25 Kräuter-, Kloster-, Heilpflanzen- oder Bauerngarten zwischen Mannheim und Gaienhofen, die Marion Reinhardt in ihrem schön anzuschauenden Buch porträtiert hat.

Einen eigenen Kräutergarten anlegen

Noch besser ist es natürlich, selbst einen Kräutergarten anzulegen. Kaum eine andere Gartenform ist so sinnlich und so vielfältig: Pflanzen in den verschiedensten Schattierungen von Grün verströmen verschwenderischen Duft, Rosen, Malven und Ringelblumen sind nicht nur eine Augenweide, sondern lassen sich zu Tee oder Creme weiter verarbeiten. Die Aromen der Küchenkräuter und die Arzneikraft der Heilpflanzen sorgen dafür, dass ein Kräutergarten gleichermaßen Hexenküche und Paradiesgärtlein sein kann. Schönstes Beispiel ist der Rosmarin. Der würzt nicht nur Kartoffeln und Lammbraten, sondern fördert auch die Durchblutung und macht unter Umständen wacher als starker Kaffee. Im antiken Griechenland war er der Liebesgöttin Aphrodite geweiht. Dem Kräutergarten haftet immer ein wenig Mythos und Mystik an.

Wer sich darauf einlassen möchte, findet sich vor einer so unfassbaren Vielfalt an Pflanzen, dass es nichts schaden kann, sich ein paar planende Gedanken zu machen: Wie viel Platz hat man? Zwei Meter Durchmesser reichen bereits für eine Kräuterspirale aus Natursteinen mit einem Wasserloch in der Mitte. Die Pflanzen werden nach ihrem Feuchtigkeitsbedarf gesetzt. Von Brunnenkresse über Minze bis zu Lavendel lassen sich 50 verschiedene Arten unterbringen. Legt man Wert auf eine schöne Ordnung mit Buchseinfassungen und Mäuerchen oder gefällt einem ein gepflegtes Durcheinander besser? Heilkräuter könnte man zum Beispiel nach Anwendungsgebieten sortieren, sozusagen „von Kopf bis Fuß“. Entscheidet man sich für ausschließlich heimische Gewächse oder möchte man eher mediterranes Feeling? Was möchte man mit den Kräutern machen? Sie zum Kochen verwenden? Oder Naturkosmetik herstellen? Oder sich nur an Duft und Aussehen erfreuen? Kräutergärtner/innen haben es selbst in der Hand, wie viel Arbeit sie sich machen wollen. Denn letztendlich kann man (fast) alles wachsen lassen, was wachsen möchte und sogar lernen, den sonst so gefürchteten Giersch zu lieben: Der macht als Salat, Spinat, Suppe, Tee, Pesto, Limonade, Strudelfüllung oder Würzmittel tatsächlich ein rundum gute Figur.

Ein Kräutergarten ist eine kulinarische Freude, eine Open-Air-Apotheke und reine Poesie. Hier blüht Mädesüß, das einen schmackhaften Sirup ergibt und hier erntet man Schwarzkümmel, mit dem sich Fladenbrote und Frischkäse verfeinern lassen. Ziemlich prosaisch. Aber Schwarzkümmel ist der Samen einer blauen Blume mit dem zauberhaften Namen „Jungfer im Grünen“. Der allein ist Grund genug, ihr einen Platz im Kräuterbeet einzuräumen. Andrea Bachmann

Neben Ausflugstipps finden sich in dem Buch von Marion Reinhardt viele Kräuterporträts und Rezepte.

Marion Reinhardt: Die 25 schönsten Kräutergärten im Südwesten, Südverlag, Konstanz 2017.

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10.05.2017, 01:00 Uhr
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