Gefräßige Räuber

In den nächsten zwei Jahren werden die Fischarten im Oberen Neckar erforscht

Von Fred Keicher

Sicher ist eins: Der Zustand des Neckars ist unbefriedigend. Aber war er jemals besser? Verblüffend ist nämlich: Der Neckar galt nie als gutes Fischgewässer.

In den nächsten zwei Jahren werden die Fischarten im Oberen Neckar erforscht

Mit seinem kräftigen Appetit auf Sushi trägt der Kormoran zur Dezimierung der Fischbestände im Neckar bei.Archivbild: Sommer

Umfassende und gesicherte Information darüber erhoffen sich die Wasserbaubehörde und die Fischereibehörde des Tübinger Regierungspräsidium von dem Projekt „Fischfauna und Fischerei im Oberen Neckar“, das die Situation von der Neckarquelle bis Wendlingen untersuchen soll. Für den Mittleren Neckar (Plochingen bis Gundelsheim) und den Unteren Neckar (Gundelsheim bis Mannheim) liegen solche Untersuchungen bereits vor.

Zum Projektstart begrüßte Regierungspräsident Klaus Tappeser einen vollen Sitzungssaal in seinem Amtssitz. Bürgermeister, Behördenchefs und um die sechzig (Tappeser suchte nach einer Bezeichnung) „Freunde der Fließgewässer“ waren gekommen. Ausdrücklich waren Angler und Fischer zur Teilnahme eingeladen worden. Das Projekt ist auf deren Hilfe angewiesen, auf ihre Ortskenntnis, auf ihre Beobachtungen (etwa von Laichzügen und Fischwanderungen) und auf ihre Fangstatistiken. „Wer uns unterstützt, bekommt auch was zurück“, versprach der Chef der Tübinger Fischereibehörde Manuel Konrad. Wenigstens die kostenlose Projektbroschüre mit den Ergebnissen.

Die Nutzung als Fischgewässer steht in einem manchmal scharfen Konflikt zu anderen Nutzungen. Im Rahmen der Energiewende werden neue Wasserkraftwerke gebaut. Tappeser berichtete, dass er am Montag die Situation an der oberschwäbischen Iller erörtert habe. Dort seien 13 neue Wasserkraftwerke geplant, quer zur Fließrichtung der Iller. Der Chef der Tübinger Wasserbaubehörde Lothar Heissel muss Hochwasserschutz und Ökologie unter einen Hut bringen. So unbefriedigend der Zustand des Neckars auch sei, sagte er, wenigstens die Wasserqualität habe sich deutlich gebessert. Durchlässig sei er auch. Aufwärts sei nur noch ein Stauwehr in Oferdingen undurchlässig, abwärts aber alle.

Ausführlich schilderte Manuel Konrad die Paralleluntersuchung am Mittleren Neckar und stärkte damit das Vertrauen in die wissenschaftliche Methodik. Entwarnung, was Artenschutz angeht, konnte er nicht geben. Große Sorgen bereitet der drastische Rückgang der Fischbestände seit etwa der Jahrtausendwende. Wie im einzelnen vorgegangen wird, schilderten Peter Rey und Manfred Becker. Von den zwölf untersuchten Abschnitten liegen drei im Landkreis Tübingen: in Sulzau, Obernau und Lustnau. Die Forscher nutzen das Elektrofischen und Kiemenfangnetze.

Ob früher alles besser war, stellen schon erste historische Untersuchungen in Zweifel, sagte Rey. Die Auswertung historischer Quellen aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ergab, dass der Neckar immer schon als schlechtes Fischgewässer gegolten hat. Möglicherweise eine Folge der Flößerei, für den der Neckar umgebaut wurde: Gerade und schnell sollte es sein. Neu allerdings ist, dass gefräßige Räuberfische aus der Donau eingewandert sind, der Rapfen und die Marmor- und Kesslergrundel. Sie kamen via Rhein-Main-Donau-Kanal. Und dann ist da noch der Kormoran, der schwarze Vogel.

Ein Fischer aus Sulzau begrüßte die Untersuchung: „Das fordern wir seit 30 Jahren.“ Ein Fischer aus Lustnau datierte den Rückgang der Fischfänge auf das Jahr 1997, das Jahr als der Kormoran kam. 150 habe man damals am Neckar zwischen Neckartenzlingen und Rottenburg gezählt. „Der frisst am Tag 1,5 Kilogramm Fische. Da können Sie sich selber ausrechnen, wie viel das im Jahr sind“, sagte er. Fred Keicher


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15.02.2017 - 01:00 Uhr