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Johann F. Gmelin war einer der ersten Botaniker
Tübinger Flora

Johann F. Gmelin war einer der ersten Botaniker

09.08.2017

1772 waren an der Universität Tübingen genau zwei Studenten für das Fach Medizin eingeschrieben. Das trug zwar nicht gerade zu einer glanzvollen Reputation der württembergischen Alma Mater bei, verschaffte jedoch den Dozenten, die sich um diese beiden jungen Männer kümmern mussten, viel Zeit für eigene Forschungen.

Zu denen gehörte auch ein Mitglied der weit verzweigten Tübinger Gelehrtenfamilie Gmelin. Johann Friedrich Gmelin, am 8. August 1748 geboren, war der Neffe des Sibirienforschers Johann Georg Gmelin. Er studierte in Tübingen Medizin und promovierte bereits 1769 – auch das Studium ließ sich bei der mehr als überschaubaren Menge an Kommilitonen in kürzester Zeit bewältigen. Nach der für junge Männer seines Standes obligatorischen Bildungsreise, die ihn durch Österreich, Holland und England führte, konnte er bereits 1771 als außerordentlicher Professor für Medizin in Tübingen arbeiten.

Vermutlich angeregt durch die Studien seines Onkels galt sein besonderes Interesse der Botanik, die einen Teilbereich der Medizin darstellte. Das hatte man einem Tübinger zu verdanken: Leonhart Fuchs, Direktor der medizinischen Fakultät nach der Reformation, wollte das Wissen um Pflanzen mit medizinischer Wirkung nicht einfach den „alten Weibern“ überlassen, sondern hielt es der wissenschaftlichen Auseinandersetzung für würdig. 1543 machte er mit der ersten Flora Tübingens Furore: In seinem „New Kreüterbuch“ listete er – allgemeinverständlich in deutscher Sprache geschrieben – die Pflanzen auf, die in und um Tübingen zu finden waren und beschrieb ihre „krafft und würckung“.

Fuchs‘ frühneuzeitliches Werk blieb lange Standard. 1722 streifte der aus der Grafschaft Mömpelgard stammende Johann Georg Duvernoy über den Spitzberg und fasste seine Beobachtungen in einer „Designatio plantarum circa Tubingensum Arcem florentinem“ zusammen. Seine „Beschreibung der Pflanzen in der grünen Region Tübingens“ ist vor allem wegen ihrer genauen Standortbeschreibungen interessant: „Ad Ameram, in via Hirsav, inter arbores prope Schwertzloch, ad portam Hackthor, ad muros arcis“ war Duvernoy unterwegs – heute stehen dort fast überall Häuser!

1753 revolutionierte ein schwedischer Gelehrter die Botanik: Carl von Linné dachte sich in seiner „Species plantarum“ als erster ein System aus, das es möglich machte, Pflanzen in eine bestimmte Ordnung zu integrieren – und zwar auch die, die noch entdeckt werden sollten.

Nach seinem kleinen Europatrip machte sich auch Johann Friedrich Gmelin mit Botanisiertrommel und Vergrößerungsglas auf den Weg. Er unternahm weit umfangreichere Exkursionen als seine Vorgänger, sein Weg führte ihn zur „silva Blabyrensi circa Russenschloß et silva Tiefenthal“, und zur „caverna Nebelloch“ bis ins Donautal und auf die Zollernalb. Von Kollegen aus Balingen, Reutlingen und Heilbronn ließ er sich Pflanzen zusenden. 1772, nach nur einem Jahr Arbeit, konnte er eine etwa 1000 Pflanzen umfassende Tübinger Flora vorlegen. Die „Enumeratio stirpium agro Tubingensi indigenarum“, die „Aufzählung der in Tübingen heimischen Ackerkräuter“ lehnte sich eng an die Arbeit Linnés an. „Ackerkräuter“ ist allerdings eine etwas unglückliche Wortwahl: Auch Farne, Moose und sogar Pilze fanden in diesem Werk einen Platz.

Damit leistete Johann Friedrich Gmelin nicht nur einen entscheidenden Beitrag zum botanischen Wissen seiner Zeit, sondern trieb auch seine eigene Karriere voran. Die führte aus den bescheidenen Tübinger Verhältnissen – der Hortus Medicus der Universität befand sich zum Beispiel auf einer winzigen Fläche neben der Alten Aula – hinaus: 1773 übernahm Gmelin eine außerordentliche Professur für Medizin und Philosophie in dem weit fortschrittlicheren Göttingen. Fünf Jahre später war er dort ordentlicher Professor für Medizin, Chemie, Botanik und Mineralogie, er verfasste Dutzende von Lehrbüchern, war Mitglied zahlreicher wissenschaftlicher Gesellschaften und Akademien und richtete in seinem Wohnhaus eines der ersten „öffentlichen“ chemischen Labore ein, in dem seine Studenten praktische Erfahrungen mit ihrem Fach sammeln konnten. In Tübingen sollte es noch bis 1817 dauern, bis man wenigstens einen Lehrstuhl für „Naturgeschichte im Allgemeinen und Besonderen“ einrichtete. Andrea Bachmann

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09.08.2017, 01:00 Uhr
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