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KIOSK ist eine Anlaufstelle für geflüchtete Jugendliche
In Deutschland braucht man für alles ein Zertifikat

KIOSK ist eine Anlaufstelle für geflüchtete Jugendliche

04.10.2017

Karin Burth und Katharina Rieger arbeiten beide als Sozialpädagoginnen bei KIOSK. Das ist eine Anlaufstelle der Jugendhilfeeinrichtung der Martin-Bonhoeffer-Häuser, die geflüchtete Jugendliche bei ihrer beruflichen Orientierung unterstützt. KIOSK bedeutet: Kontakte-Information-Orientierung-Selbständigkeit-Kooperation.

TAGBLATT ANZEIGER: Wann haben Sie beschlossen, den KIOSK zu eröffnen?

Karin Burth: Die Martin-Bonhoeffer-Häuser betreuen seit vielen Jahren Flüchtlinge, seit etwa zwei Jahren leben etwa 40 Jugendliche ohne Familie in Wohngemeinschaften, manche davon sind noch minderjährig. Darunter waren Jugendliche, die nicht mehr schulpflichtig waren und deshalb nicht in den Regelschulen untergekommen sind. Da haben wir gemerkt: Die meisten geflüchteten Jugendlichen haben überhaupt keine Ahnung, wie Ausbildung in Deutschland läuft – das deutsche Ausbildungssystem gibt es eben nur in Deutschland. Die brauchen eine zentrale, niederschwellige Anlaufstelle. Das Arbeitsamt kann nur auf offene Stellen verweisen, eine intensive Begleitung ist da nicht möglich. Aus dieser Erfahrung kam die Idee zu dem Projekt, das jetzt von der „Aktion Mensch“ gefördert wird. Seit Mai sind wir am Start.

Wie funktioniert der KIOSK?

Katharina Rieger: Wir sind zunächst einmal eine Anlaufstelle, wo die jungen Leute Ansprechpartner finden. Wir sind einfach zu erreichen, man muss keinen Termin ausmachen. Wir bieten Beratungen zur beruflichen Orientierung an und sortieren die vielen unterschiedlichen Informationen, die es beim Jobcenter oder beim Arbeitsamt gibt – aber auch so praktische Dinge wie WLAN oder einen Drucker, was es in den Unterkünften ja oft nicht gibt. Sehr dankbar sind wir für die Möglichkeit, Betriebserkundungen anbieten zu können, damit die Jugendlichen Einblick in verschiedene Berufsfelder bekommen und nicht alle Bäcker, Friseur oder Automechaniker werden wollen.

Burth: Wir veranstalten auch sogenannte „Peer-Abende“, an denen Geflüchtete über ihre Ausbildung im Handwerk oder in einem sozialen Beruf berichten. Diese Auszubildenden können sich natürlich gut in die Situation ihrer Gesprächspartner hineinversetzen, weil sie Ähnliches erlebt haben. Außerdem tut es ihnen gut, ihr „Expertenwissen“ weiterzugeben und nicht immer in der Rolle des Hilfebedürftigen zu sein. Ein wichtiger Teil unserer Arbeit besteht aber darin, für die Jugendlichen ehrenamtliche Patinnen oder Paten zu finden, die sie in ihrer Berufsorientierung unterstützen.

Wie sieht solche ehrenamtliche Unterstützung aus?

Burth: Da kann es darum gehen, bei den Bewerbungsschreiben oder bei Telefonaten zu helfen. Manche übernehmen auch eine Vermittlerrolle zwischen Azubi und Betrieb, denn der Arbeitsalltag und die Arbeitsabläufe sind in den Herkunftsländern oft sehr verschieden von denen in Deutschland. Toll ist es, wenn wir Menschen aus bestimmten Fachbereichen finden, die die jungen Leute mit ihrer Berufserfahrung coachen – Fachbegriffe lernen ist da zum Beispiel ein Thema. Aber die Patinnen und Paten können schon selbst bestimmen, was sie tun können und was nicht, wir wollen das gar nicht so eng vorgeben. Wir haben in Tübingen eine fantastische und sehr aktive Helferszene, aber alles können die auch nicht leisten.

Wer kommt zu Ihnen?

Rieger: Zunächst waren das natürlich die, die in den Wohngemeinschaften wohnen, aber dann kamen auch deren Freunde aus den Gemeinschaftsunterkünften und den Dörfern. Eigentlich sind wir eine Anlaufstelle für Menschen unter 27 Jahren, aber viele sind oft älter. Für viele Geflüchtete ist eine Ausbildungsduldung die einzige Chance, bleiben zu können. Es kommen übrigens deutlich mehr Männer als Frauen zu uns, sodass wir überlegen, ob wir für Frauen nicht eine mehr aufsuchende Struktur anbieten müssten.

Was ist schwierig?

Burth: Die fehlenden Sprachkenntnisse, vor allem in der Berufsschule, die für die Geflüchteten wirklich sehr schwierig ist. Dann haben einige der Jugendlichen manchmal unrealistische Erwartungen und wollen Industriemechaniker werden, obwohl sie nie richtig zur Schule gegangen sind. Da ist es dann gut, wenn die Jugendlichen das von jemand anderem, zum Beispiel dem Arbeitgeber selbst, gesagt bekommen als von uns. Dazu kommt, dass man in Deutschland wirklich für alles ein Zertifikat braucht. Da kann jemand dreißig Jahre lang Autos lackiert haben, er findet in Deutschland trotzdem keine Anstellung als Autolackierer. Da sind viele große Hürden, die in kurzer Zeit übersprungen werden müssen und dafür braucht es Unterstützung und Motivation.

Das Interview führte Andrea Bachmann / Bild: Bachmann

Info: Der KIOSK freut sich sehr über weitere Jobpatinnen und-paten. Er befindet sich in der Poststraße 10 in Tübingen, Telefon 07071-7639455 und ist am Montag und Donnerstag von 16-18 Uhr geöffnet. Mailadresse: kiosk@mbh-jugendhilfe.de

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04.10.2017, 01:00 Uhr
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