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Philippe Grimberg erzählt die Geschichte seiner Familie als Roman über Scham und Hoffnung
Schuld ist ein wichtiges Gefühl

Philippe Grimberg erzählt die Geschichte seiner Familie als Roman über Scham und Hoffnung

Philippe Grimberg ist Schriftsteller und Psychoanalytiker. Sein 2004 veröffentlichter Roman „Un secret“ („Ein Geheimnis“) brachte ihm nicht nur eine Millionenauflage und einige angesehene Literaturpreise ein. Seit einigen Jahren ist die ebenso komplexe wie berührende Geschichte eines der Abiturthemen im Fach Französisch in Baden-Württemberg. In Kooperation mit dem Institut Français in Stuttgart und dem Institut Culturel Franco-Allemand hat das Tübinger Kepler-Gymnasium eine Begegnung mit dem Autor organisiert.

19.04.2017

TAGBLATT ANZEIGER: Worum geht es in Ihrem Roman?

Philippe Grimberg: Der einzige Sohn eines ungeheuer attraktiven und sportlichen Paares ist klein und kränklich. Deshalb wünscht er sich einen großen und starken Bruder, der ihn beschützt. Als Heranwachsender erfährt er, dass es diesen Bruder tatsächlich gegeben hat. Seine Eltern waren mit einem jüdischen Geschwisterpaar verheiratet, sein Vater hatte einen Sohn. Während des Krieges haben sich seine Eltern – Schwager und Schwägerin - leidenschaftlich ineinander verliebt. Sein Bruder und dessen Mutter sind in den Gaskammern von Auschwitz ermordet worden. Es ist eine Geschichte über Scham und Schuld, Trauer und Verlust, aber auch über Liebe und Hoffnung.

Sie nennen „Un secret“ einen Roman, aber eigentlich ist es doch eine Autobiographie?

Ich erzähle die Geschichte meiner Familie. Ich habe nicht einmal die Namen verändert. Aber trotzdem ist es ein Roman: Unsere Erinnerungen sind immer Rekonstruktionen, wir sind sozusagen die Autoren unserer Geschichte. Wer schreibt, lässt Fantasien und Wünsche Wirklichkeit werden. Mir hat diese Erzählung geholfen, die Wahrheit über meine Geschichte herauszufinden.

Warum haben Ihre Eltern Ihnen dies alles so lange verheimlicht?

Ich kann meine Eltern verstehen. Sie haben mich sehr geliebt und ich hatte eine schöne und behütete Kindheit – aber es gab eben ein Thema, über das nie gesprochen wurde. Oft schweigen Eltern aus Liebe, weil sie ihre Kinder nicht mit so schwierigen Dingen konfrontieren wollen. Aber dieses Schweigen tut nie gut. Es ist sicherlich nicht einfach, Kindern so etwas zu sagen, aber es ist auch nicht unmöglich. Wir waren alle einmal Kinder und wir wissen, dass Kinder eine Menge aushalten können. Aber wir sind auch alle Kinder aus Familien mit Geheimnissen - nichts beeinflusst Familien stärker als Geheimnisse, die aus Scham, Schmerz oder Trauer entstanden sind.

Wie haben Ihre Eltern reagiert, als Sie die Wahrheit erfahren haben?

Sie waren eher erleichtert und sogar glücklich. Und ich hatte den Eindruck, ich hätte es eigentlich schon immer gewusst. Ich habe als Kind sogar einem Stofftier den Namen meines Bruders gegeben. Vielleicht habe ich den Namen in meiner frühen Kindheit schon gehört. Oder er war so emotional aufgeladen, dass ich ihn für das Stofftier ausgewählt habe – mit meiner Erfahrung als Psychoanalytiker kann ich das jetzt erklären. Aber man kann daran auch erkennen, wie solche „Gespenster“ unsere Gedanken besetzen.

Maxime, der Vater, fühlt sich schuldig am Tod seines Sohnes...

Am Tod von Hannah und Simon sind einzig und allein die Nazis schuld und sonst niemand! Maxime fühlt sich jedoch, wie viele Opfer des Nationalsozialismus, schuldig, weil er überlebt hat. Schuld ist ein wichtiges und notwendiges Gefühl – Henker haben keine Schuldgefühle.

Was hat Sie veranlasst, das Buch zu schreiben?

Auf einem Spaziergang habe ich einen Hundefriedhof auf dem Grundstück der Tochter von Pierre Laval gefunden, der 1942 in Frankreich für den Transport jüdischer Kinder in die Vernichtungslager gesorgt hat. Es schockiert mich nicht, dass jemand ein Grab für seinen Hund anlegt – aber es hat mich schockiert, dass ausgerechnet der einen Hundefriedhof anlegt, der für den Tod Tausender Kinder verantwortlich ist. Ich hatte Lust, diese Gräber zu beschädigen, Tags drauf zu sprayen oder so. Stattdessen habe ich das Buch geschrieben.

Wie wichtig ist Ihnen Ihre jüdische Identität?

Nicht sehr, sie war in meinem Leben nie sehr präsent. Ich war auf einer katholische Schule und habe da alles mitgemacht, Kommunion, Firmung, alles. Die jüdische Kultur interessiert mich natürlich, aber ich habe sie nicht in mein Leben integriert. Nur wenn ich mit antisemitischen Äußerungen konfrontiert werde, fühle ich mich sehr jüdisch.

Fragen von Andrea Bachmann

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19.04.2017, 01:00 Uhr
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