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Zwei Allrounder im Naturtheater Hayingen
Autoren-Duo Silvie Marks und Johannes Schleker . Bild: Böhm
Kein Bauernschwank

Zwei Allrounder im Naturtheater Hayingen

„Das zauberhafte Ländle von Oz“ und „Älles sicher…? – ein Albdorf-Krimi“ heißen die beiden diesjährigen Stücke des Naturtheaters Hayingen.

02.08.2017
  • Gabriele Böhm

Zwischen Felsen und Bäumen liegt das Hayinger Naturtheater in einer malerischen Umgebung im Tiefental auf der Schwäbischen Alb. Silvie Marks und Johannes Schleker, Mitte Dreißig und auch privat ein Paar, sind seit 2015 als Autoren und Regisseure für das Theater tätig. Der TAGBLATT ANZEIGER sprache mit dem Autoren-Duo.

TAGBLATT ANZEIGER: Wie kommt man nach Hayingen?

Schleker: Ich bin hier aufgewachsen, mein Großvater hat das Theater mitbegründet und auch 1949 das erste Stück, „Die Orgelmacher“ geschrieben. Für mich als Kind war das Theater ein einziger großer Abenteuerspielplatz. Schon mit einem Jahr war ich mit auf der Bühne und habe bis 2004 im Naturtheater gespielt.

Marks: Als ich das Theater durch Johannes kennenlernte, wusste ich sofort: Hier will ich was machen. Ich habe als Jugendliche für das Schauspiel Feuer gefangen. Erst an der Schule, später im Jugendspielclub der Württembergischen Landesbühne.

Sie haben dann Ihr Hobby zum Beruf gemacht?

Marks/Schleker: Ja, wir haben in Hildesheim im Hauptfach Theater „Kulturwissenschaften und Ästhetische Praxis“ studiert. Hier lernt man alle Facetten des Theaterbetriebs kennen, von der Regie über Dramaturgie bis hin zu Kulturpolitik und Organisation. Man wird zum Theaterallrounder ausgebildet und ist anschließend Diplom-Kulturwissenschaftler.

Wie ging es nach dem Studium weiter?

Marks: Erstmal ging es darum, ins Berufsleben einzusteigen und dabei auch ein bisschen Geld zu verdienen. Bei einem Volontariat am theaterpädagogischen Zentrum beispielsweise war ich für die Projektkoordination verantwortlich. Aber mir war schnell klar, dass ich etwas Eigenes auf die Beine stellen möchte.

Schleker: In Hildesheim liegt der Fokus auf dem zeitgenössischen Theater, Tradiertes wird hinterfragt. Wir hatten vor, in diesem Sinn eine eigene Theatergruppe zu gründen. Aber zunächst habe ich Jobs als Sänger in Musicals, als Regieassistent oder in der Dramaturgie angenommen.

Wie kam Hayingen ins Spiel?

Schleker: Wir hatten hier 2009 einen Theaterworkshop mit Jugendlichen gemacht, der sehr gut ankam. 2014 hat uns dann der Geschäftsführer gefragt, ob wir die Aufgaben am Naturtheater übernehmen wollten. Da hatten wir bereits unser gemeinsames Label „marks&schleker“ gegründet und erste eigene Produktionen verwirklicht. Unsere Theaterarbeit auf den ländlichen Raum zu fokussieren, fanden wir eine spannende Herausforderung. Gerade hier braucht Kultur oft noch richtigen Pioniergeist.

Was ist das Besondere hier?

Marks: Fast alle hier sind Laienschauspieler. Etwa die Hälfte kommt aus dem Ort, die anderen aus einem Einzugsgebiet von Weingarten, dem Großraum Ulm bis nach Biberach. Unsere Spezialität ist Mundarttheater, aber nicht der Bauernschwank.

Schleker: Mit diesem Alleinstellungsmerkmal sind wir sozusagen das „kleine gallische Dorf“. Das Kinderstück „Ländle von Oz“ haben wir auf Schwäbisch neu interpretiert. Das Steampunk-Stück „Älles sicher...?“ haben wir auf Schwäbisch geschrieben. Es geht um die Gegenüberstellung der sozialen Kontrolle in einem Dorf und der Kontrolle durch die Medien.

Wie sind die Reaktionen?

Schleker: Sowohl Schauspieler als auch Publikum haben inhaltliche Diskussionen geführt und tun das immer noch. Das mitzuerleben, war und ist einfach toll. Aber wir wollen nach außen noch deutlicher machen, worum es uns geht: Den Erhalt und die Wertschätzung der schwäbischen Sprache in modernen Stücken. Wir sind eben kein traditionelles Bauerntheater, wie man es kennt. Da gibt es dann den doppelten Fluch: Die einen sind zurückhaltend und mögen kein Volkstheater, weil sie denken, da gibt’s bloß Schenkelklopfer, die anderen sind enttäuscht, weil sie genau das erwarten, aber bei uns nicht zu sehen kriegen.

Marks: Eine weitere Besonderheit hier ist, dass keine Stücke eingekauft werden. Wir produzieren hausgemachte Uraufführungsstoffe. Manchen schreckt es ab, sich auf etwas Neues einzulassen, denn das Publikum mag es, die Umsetzung einer Geschichte in Buch, Film und Musical zu vergleichen. Bei uns trifft man meist auf ein Original. Da ist dieser Vergleich nicht möglich. Da muss man sich ganz neu eine Meinung bilden.

Sie sind seit Anfang 2017 als erstes Freilichttheater Unesco-Kulturerbe. Wie sehen Ihre Pläne für die Zukunft aus?

Marks: Wir müssen die Strukturen verändern und auf das aktuelle Freizeitverhalten und den Rückgang im ehrenamtlichen Engagement reagieren. Für uns besteht die Herausforderung, Leute aus der Region stärker einzubinden und das Saisontheater zu einem Ganzjahresbetrieb mit breiterem Angebot umzugestalten. Das Theater soll ein kultureller Gewinn für die Region sein.

Schleker: Ganz wichtig ist uns ein gutes Kulturnetzwerk. Das Label Naturtheater soll auch an anderen Orten und mit anderen Akteuren stattfinden. Wir denken an die Kooperation mit einem Gastronomiebetrieb und daran, explizit etwas für Jugendliche, mit Flüchtlingen oder Menschen mit Behinderungen zu machen.

Interview: Gabriele Böhm

www.naturtheater-hayingen.de/

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02.08.2017, 01:00 Uhr
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