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Zeitgeschichte auf Tüten

„Adieu Plastiktüte“ – so heißt die neue Sonderausstellung im Museum für Alltagskultur im Schloss Wal

06.11.2019

Plastiktüten aus Tübingen – ihnen ist ein eigenes Paneel gewidmet. Bilder: Gabriele Böhm

Irgendwann wird jede Sammlung zu groß und der benötigte Platz zu klein. So erging es auch Matthias Kotz, der seit 1968 bunte Plastiktüten gesammelt hat und nun über 3000 Exemplare verfügte. „Meine Frau hat sich schon über viele Mülltüten gefreut“, berichtete er. Doch es sollte ganz anders kommen. Seine aus der ganzen Welt stammenden Prachtstücke sind bis zum 3. Juli 2020 im Museum für Alltagskultur unter dem Titel „Adieu Plastiktüte“ zu sehen. Dazu gehört auch die Sammlung von Monika Breuninger, die mit dem Zusammentragen begann, als Kotz aufhörte. So kamen rund 50 000 Tüten an das Museum.

„Für mich begann die Begeisterung, als unser Kunstlehrer uns eine Tüte mit einem Quadrat zeigte, das von der ‚Interaction of colour‘-Reihe von Joseph Albers inspiriert schien“, erläuterte Matthias Kotz. „Die Tüte wurde wie ein Kunstobjekt behandelt.“ Das hat Kotz gepackt und natürlich auch, dass für den damaligen Jugendlichen diese Art Kunstobjekte gratis zu haben waren. „Es ist eine Hommage an einen Alltagsgegenstand, mit dem wohl weltweit jeder Mensch schon einmal in Berührung gekommen ist“, sagte Ausstellungskurator Frank Lang. Wobei die Würdigung in Zeiten, in denen Plastik verteufelt wird und drastisch reduziert werden soll, gleichzeitig auch etwas von einem Abgesang hat.

„Vom Plastikmüll werden nur 10 Prozent recycelt“, so Lang. „Der Rest wird nach Südostasien exportiert, wo es keine Auflagen zur Entsorgung gibt.“ Plastik werde ins Meer entladen, zerfalle dort und gelange nach der Aufnahme durch Tiere auch in den menschlichen Organismus. „Es sind hormonähnliche Substanzen, die erheblichen Schaden anrichten können.“

Wird Plastik verbrannt, entsteht CO2 – ebenfalls bekanntermaßen schädlich für die Umwelt. „Doch als die Tüten in den 1950er Jahren aufkamen, hat man sich darüber noch keine Gedanken gemacht. CO2 wurde einfach als Bestandteil der Luft gesehen.“ Im Museum klären Tafeln an den Wänden und in Papiertüten über diese Sachverhalte auf.

Wer die Ausstellung betritt, erlebt viele Déjà–vues: die Einkaufstüten mit der Werbung und den Mustern von Traditionsgeschäften, Parteien, Marken und Institutionen, die jeden über viele Jahrzehnte begleiteten. Einige Tüten wurden gerahmt und wie ein Gemälde mit Informationen über Jahr, Material und Designer versehen. Prunkstück ist ein humorvolles Fasnetskostüm der „Böblinger Lombamenscha“ aus lauter Plastiktüten. Doch sind das ausstellungswürdige Museumsobjekte?

Wer sich die Erläuterungen in der Ausstellung durchliest, bemerkt schnell, in welchem Maß Plastiktüten als „mobile Litfaßsäulen“ das tägliche Leben beeinfluss(t)en und ihrerseits Produkte einer sich ständig verändernden Gesellschaft darstellen. „Zeitgeschichte auf Tüten!“ so bezeichnen die Museumsmitarbeiter das treffend.

Und wie bewältigten die Museumsmitarbeiter die stolze Flut von über 50 000 Objekten? „Wir haben zunächst 100 Ordnungskategorien gebildet“, sagte Lang. Dazu gehörte eine Sortierung nach dem äußeren Zuschnitt, etwa mit Regenschutzumschlag oder in Hemdchenform. Andere Kategorien waren Muster, Farben oder Orte. Dennoch – die Menge war einfach zu groß. Doch das Team um Lang fand eine Lösung. Über die Laufzeit der Ausstellung hinweg wird es neun Hängungen geben, in denen immer neue Tüten gezeigt werden. In der Mitte des Ausstellungsraumes sind sie bereits in Klarsichtboxen gestapelt und geben einen Eindruck von ihrer Gesamtmenge.

Mit einbezogen werden soll auch die Meinung der Besucher/innen. In einem weiteren Raum können sie ihre Lieblingstüten auswählen. Hier liegen Doubletten, die an die Wand geheftet werden können. Gegenüber kommt die Museumspädagogik zum Zug. Scheren und Klebstoff liegen bereit, um aus Plastiktüten Girlanden oder Handytaschen entstehen zu lassen.

Als Kooperationspartner für das breite Rahmenprogramm konnten die VHS Böblingen-Sindelfingen und das Repair-Café Waldenbuch gewonnen werden, berichtete Melanie Kölling, die das Rahmenprogramm entwickelt hat. In Workshops und Vorträgen wird das Thema Nachhaltigkeit aufgegriffen.

Zusammen mit den Waldenbucher Geschäften startet jetzt die Aktion „Waldenbucher Tütle – gemeinsam für Nachhaltigkeit“. In Kooperation mit dem örtlichen Gewerbe- und Handelsverein wurde eine Papiertüte entwickelt, deren Verwendung mit einem Stempel belohnt wird. Im Museum können dann jeweils drei Stempel gegen ein Weckglas eingelöst werden. Gabriele Böhm

Museum der Alltagskultur, Schloss Waldenbuch

Kirchgasse 3

Die Sonderausstellung „Adieu Plastiktüte“ läuft bis 3. Juli 2020

Öffnungszeiten: Dienstag bis Samstag 10 - 17 Uhr, Sonn- und Feiertag 10 - 18 Uhr

Eintritt frei

Damit fing alles an: Die von Joseph Albers inspirierte Plastiktüte ist das Sammelexemplar Nr. 1 von Matthias Kotz.

Ganz aus Plastiktüten entstand dieses Kostüm der Fasnetsgruppe „Böblinger Lombamenscher“.

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Erstellt:
6. November 2019, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
6. November 2019, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 6. November 2019, 01:00 Uhr

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