Corona als Marathon

Alexander Wütz vernetzt Selbständige

Alexander Wütz arbeitet als Inhaber der Agentur „Querfeldeinsport“ im Sportmarketing. Er berät Unternehmen dabei, wie sie Sponsoring für ihr Geschäft zielbringend nutzen können. Auch ihm sind durch die Corona-Krise und den Ausfall großer Sportereignisse wie dem Tübinger Triathlon eine große Anzahl Aufträge weggebrochen (siehe auch den nebenstehenden Kommentar).

Alexander Wütz vernetzt Selbständige

Alexander Wütz berät Unternehmer und kennt ihre Sorgen in Zeiten der Corona-Pandemie. Bild: Andrea Bachmann

TAGBLATT ANZEIGER: Wie hat sich die Corona-Krise auf Dein Unternehmen ausgewirkt?

Alexander Wütz: Durch die Absage von Sportveranstaltungen wie zum Beispiel dem Mey Generalbau Triathlon konnten viele Aufträge nicht durchgeführt werden. Auch das Neukundengeschäft ist dementsprechend eingebrochen. Ich berate nach wie vor Kunden, aber nicht in dem Umfang wie in „normalen“ Jahren.

Du hast im Frühjahr eine Facebookgruppe gegründet.

Ich konnte zusehen, wie die Bedrohung innerhalb einer Woche ganz real wurde, bis am 13. März der komplette Sportbetrieb, der die Grundlage meiner Geschäftstätigkeit bildet, eingestellt werden musste. Ich habe überlegt, dass es anderen auch so gehen könnte und die Gruppe mit dem sperrigen Namen „Selbständige und Kleinunternehmer gegen die Auswirkungen von Corona“ gegründet. Sie diente dazu, sich gegenseitig konstruktiv auszutauschen, Mut zu machen und konkret Hilfe anzubieten. Es gab einen intensiven und konstruktiven Austausch – wobei ich als Gruppenregeln Jammern und „Abkotzen“ ausdrücklich verboten hatte. Die IHK nutzte unser Feedback zur Weitergabe an die Entscheidungsträger in der Politik. Durch die Gruppe – in der jetzt 340 Mitglieder sind – war ich so etwas wie der Sprecher der Selbständigen und habe viele Schicksale mitbekommen. Mir war schnell klar, dass Corona ein Marathon wird und dass wir uns auf lange Sicht aufbauen und unterstützen müssen, anstatt uns runterziehen zu lassen.

Wie geht man als Unternehmer(in) mit dieser Situation um?

Als Unternehmer hat man gelernt, mit Unsicherheiten zu leben. Diese Eigenschaft kommt uns jetzt zugute. Positiv war, wie schnell ein Großteil der Unternehmer sich auf die neue Situation eingestellt hat und bereit war, das Beste daraus zu machen. Die Suche nach Lösungen wurde in den Mittelpunkt gestellt und nicht das Problem. Die Unternehmer und Unternehmerinnen haben alles unternommen, damit ihre Geschäfte weiterlaufen können. Aber viele Ausweichmöglichkeiten wie digitale Sportevents oder Lieferservice sind Notlösungen und relativ schnell ausgereizt.

Aber es gibt doch jede Menge Hilfen?

Ich finde es gut, dass schnell Hilfen zugesagt wurden. Man muss aber genau hinschauen, wie sich die Details zu den plakativen Verkündungen darstellen. Viele Unternehmer hatten quasi von heute auf morgen unverschuldet überhaupt keine Einnahmen mehr bei weiterlaufenden Betriebskosten. Mit den Einnahmen gibt es dann auch kein Einkommen für die Unternehmer – das ist, wie wenn ein Angestellter nicht weniger, sondern gar kein Gehalt mehr bekommt. Für diesen Bereich durfte ein Unternehmer aus den Hilfen 1080 Euro im Monat ansetzen – das ist weit unterhalb des gesetzlichen Mindestlohns. Unternehmer haben ja nicht nur berufliche Ausgaben, sondern müssen auch privat wohnen und eine Familie ernähren.

Ist das nicht auch einfach unternehmerisches Risiko?

Corona hat die Verteilung der Risiken in unserer Gesellschaft aufgedeckt: gesundheitliche Risiken, gesellschaftliche Risiken, wirtschaftliche Risiken. Wenn eine komplette Branche zum Wohl der Allgemeinheit schließen muss, hat das für mich nur sehr bedingt mit unternehmerischem Risiko zu tun. Vielmehr tragen die betroffenen Unternehmer die finanzielle Last der Solidaritätsleistung der Gesellschaft.

Wie geht man in Tübingen mit der Situation um?

Alle Beteiligten – Unternehmer und Stadtverwaltung – sind zusammengerückt und haben sich überlegt, wie sie die Lage gemeinsam verbessern können und viel umgesetzt, zum Beispiel der „Gönn dir Tübingen – Feierabend“. Das hat sicherlich dazu beigetragen, dass viele Unternehmer im Sommer wirtschaftlich etwas durchschnaufen konnten.

Was wünschst Du Dir für die Zukunft?

Die Gesundheit steht über allem. Dennoch ist das Virus da und wird es auch weiterhin sein. Der Impfstoff alleine löst nicht alle Probleme. Daher brauchen wir eine Strategie, wie wir mit dem Virus weiterleben können. Wir müssen versuchen, ein gesellschaftliches Leben zu ermöglichen. Unternehmer, gerade im Handel, in der Gastronomie, in der Kultur, schaffen ja auch gesellschaftliche Werte – eine lebendige Innenstadt, Zusammenhalt, Begegnung, kulturelle und soziale Teilhabe. Unternehmer wollen selbst Geld verdienen, um ihren Lebensunterhalt daraus selbst zu bestreiten. Die Priorität muss sein, gesundheitliche Risiken zu vermeiden und zugleich wirtschaftlich tätig sein zu können. Denn nur ein wirtschaftliches Leben ermöglicht auch ein soziales Leben. Da brauchen wir dringend eine Perspektive. Wir können uns nicht von Lockdown zu Lockdown hangeln.

Fragen von Andrea Bachmann


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18.11.2020, 01:00 Uhr