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Holz für die Uni

Am 26. Oktober 1899 fuhr das letzte Floß über den Tübinger Neckar

26.10.2016

Einer der Flößer stochert, der andere sperrt am Bremsklotz. Das Foto von Paul Sinner aus den neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts zeigt im Hintergrund die Tübinger Gartenstraße und den Österberg. Archivbild: Stadtarchiv

Das waren noch richtige Männer, in ihrer schwarzen Kleidung mit den hohen Lederstiefeln und dem Zollstock aus Messing, die Wilhelm Hauff in dem Märchen „Das kalte Herz“ bewundernd beschreibt: „Sie handeln mit ihrem Wald; sie fällen und behauen ihre Tannen, flößen sie durch die Nagold in den Neckar und von dem oberen Neckar den Rhein hinab, bis weit hinein nach Holland, und am Meer kennt man die Schwarzwälder und ihre langen Flöße; sie halten an jeder Stadt, die am Strom liegt, an und erwarten stolz, ob man ihnen Balken und Bretter abkaufen werde; ihre stärksten und längsten Balken aber verhandeln sie um schweres Geld an die Mynheers, welche Schiffe daraus bauen.“

Der Neckar diente schon im Mittelalter als Transportweg für das Holz aus dem Schwarzwald und Tübingen verdankt diesem Umstand sogar die Universität: 1452 heiratete Mechthild von der Pfalz den Erzherzog Albrecht von Österreich und erhielt die Herrschaft Hohenberg und Besitzungen am Oberen Neckar. 1476 sorgte sie dafür, dass das für den Bau des Universitätsviertels dringend benötigte Baumaterial aus dem Schwarzwald auf Flößen herangeschafft werden konnte. Das erste Universitätsviertel entstand direkt am Neckarufer, allein für den Bau der Burse wurden 460 Baumstämme benötigt.

Dementsprechend lang waren die Flöße, die aus mehreren Elementen, Gestöre genannt, bestanden. Und dementsprechend schwierig war es, die fast 400 Meter langen Ungetüme den Neckar abwärts zu befördern. Die Flöße besaßen ein oder zwei Brems- oder Sperrvorrichtungen. Wenn das Floß abgebremst werden musste, damit die einzelnen Gestöre nicht aufeinander rutschten und sich zu einem „Ellenbogen“ verkeilten, forderte der Vorflößer seinen Kollegen auf dem Sperrgestör auf: „Jockele, sperr!“ Bei der großen Entfernung zwischen Vorflößer und Sperrflößer, die bis zu 300 Metern betragen konnte, musste der Vorflößer sich schon mit äußerster Lautstärke verständlich machen.

Niemand weiß, warum der Sperrflößer Jockele, eine Kurzform von Jakob, genannt wurde. Aber die Tübinger Studenten fanden diese Arbeitsanweisung so lustig, dass sie zu einem Spott- und Begrüßungsruf der Neckarflößer wurde. Die Kabbeleien zwischen Studenten und Neckarflößern waren allerdings nicht immer nur volkstümlich-romantisch: Am 10. Juni 1584 beschloss der Senat der Universität, eine ganze Gruppe von Studenten für zehn Tage in den Karzer zu sperren, weil sie die vorüber fahrenden Flößer „vexiert“ hatten – die „Herren Studenten“ hatten es lustig gefunden, einen Haufen Steine von der Neckarbrücke auf die Gestöre zu werfen.

Im 19. Jahrhundert hielt die Eisenbahn Einzug. 1863 prophezeite man im Königreich Württemberg: „Durch die bevorstehende weitere Entwicklung der Eisenbahn wird die Flößerei, die, wegen der mit ihr verbundenen Störung der Wasserwerke, und weil sie nur für die Versendung von unbearbeitetem Holze taugt, immerhin ein mangelhaftes Transportmittel genannt werden muss, voraussichtlich an Wert nicht wenig verlieren.“

Am 26. Oktober 1899 fuhr das letzte Floß durch Tübingen den Neckar hinab. Die Flößer waren am 18. Oktober in Sulz am Neckar gestartet – in feierlicher Prozession und auf mit Blumen und Tannenzweigen geschmückten Flößen. Unter Pistolensalven und Hurrarufen verließ das Floß die Stadt, wurde dann aber durch Niedrigwasser so aufgehalten, dass „Jockele“ Anton Schwenk und seine Kollegen erst am 26. Oktober in Rottenburg ankamen. Dort stieg eine Abordnung der Studentenverbindung „Normannia“ zu, die zwei Fässer Bier und zwei Kisten Zigarren im Gepäck hatte und diese letzte Floßfahrt zu einem Triumphzug machen wollte.

So ganz scheint es den Herren Studenten nicht gelungen zu sein. Die TÜBINGER CHRONIK vermerkt nämlich: „Manche unwillkommene Berührung mit dem herbstlich-frischen, nassen Element, in die der eine oder der andere der Musensöhne geriet, diente zur Erheiterung der dicht gedrängten Menschenmenge, die die Brücke und alle Fenster am Neckarufer besetzt hielt und die Vorüberfahrenden mit dröhnenden „Jockele sperr!“-Rufen begrüßte.“ Unter der Neckarbrücke wurden Reden gehalten und Prosits ausgebracht, die Gläser ließ man zünftig am Brückenpfeiler zerschellen. Die „Musensöhne“ hielten noch bis Oferdingen aus, dann waren Bier und Zigarren vermutlich alle und die Neckarflößer konnten ihre letzte Fahrt bis Esslingen fortsetzen, wo sie am 28. Oktober ankamen. Passenderweise kehrten sie mit der Eisenbahn wieder nach Sulz zurück – dem neuen Verkehrsmittel, das die Flößer vom Fluss vertrieben hatte. Andrea Bachmann

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Erstellt:
26. Oktober 2016, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
26. Oktober 2016, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 26. Oktober 2016, 01:00 Uhr

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