Dem lieben Mütterlein

Von Angelika Brieschke

Am Sonntag ist Muttertag, da wird sicher in vielen Kindergärten eifrig gemalt und gebastelt und die

Am Sonntag ist Muttertag, da wird sicher in vielen Kindergärten eifrig gemalt und gebastelt und die Väter stellen sich schon mal mental darauf ein, am Sonntag früh aufzustehen und den Frühstückstisch zu decken.

Seit mir bei einer Umzugsräumaktion mein Kindergarten-Muttertagsgeschenk für meine Mutter in die Hände gefallen ist, denke ich beim Stichwort „Muttertag“ zwangsläufig daran, wie dieses Geschenk vor sehr vielen Jahren entstanden ist. Da bin ich heute noch sauer, obwohl es schon über ein halbes Jahrhundert her ist.

Mein Kindergarten stand in einem schwäbischen Dorf und er wurde von einer katholischen Nonne geleitet. Damit kein falscher Eindruck entsteht: Ich bin gerne in diesen Kindergarten gegangen. Wir waren unglaublich viele Kinder – allein in unserer Gruppe waren über 60 Kinder, die von nur zwei Kindergärtnerinnen gebändigt wurden. Wie das funktioniert hat, weiß heute keiner mehr.

Ich erinnere mich im Wesentlichen daran, dass ich sehr gerne und ausgiebig unter die Tische gekrochen bin und hinuntergefallene Stifte und Spielzeugteile eingesammelt habe. Als Belohnung für ein vollgesammeltes Schälchen bekam man ein Blatt Papier zum Malen – was für mich der Höchststrafe sehr nahe kam. Ich habe überhaupt nicht gerne gemalt und ich hätte viel lieber die verschiedenen Spielzeugteile in die entsprechenden Schubladen einsortiert. Leider habe ich das nie dürfen.

Wie ich leider auch mein Muttertagsgeschenk nicht nach meinem Geschmack gestalten durfte.

Damals sollte jedes Kind ein Blumenbild für seine Mutter mit nach Hause nehmen. Die Kindergartenaktion dazu lief folgendermaßen ab: Eine Erzieherin hatte sämtliche Utensilien – Bilderrahmen, Blatt und getrocknete Blumen und Gräser – vor sich liegen. Sie rief ein Kind nach dem anderen zu sich, das sich neben sie setzen musste, und sie stellte dann ein Bild zusammen – ganz nach ihrem eigenen Geschmack.

In meinem Fall kam da ein spinnenbeinartiges, getrocknetes Irgendwas mit aufs Bild, das mir überhaupt nicht gefiel. Ich war sehr unglücklich.

Und nutzte die Gelegenheit, dieses Trockenteil heimlich wegzunehmen, als die Kindergartentante ins Gespräch mit der anderen Kindergartentante kam. Mein Hochgefühl währte allerdings nur kurz. Als sich die Erzieherin wieder ihrem Werk widmete, bemerkte sie mit einem Blick das fehlende Kraut, legte es kommentarlos wieder dazu und klebte alles fest.

Und exakt so hat meine Mutter das Bild damals als Geschenk zum Muttertag bekommen. Ob es ihr gefallen hat – das weiß ich gar nicht. Angelika Brieschke / Bild: Brieschke


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08.05.2019, 01:00 Uhr