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Wasserkreise, Kampf

Andrea Mittag spricht über ihren Debütroman

Die 1986 in Zittau in Sachsen geborene Autorin Andrea Mittag lebt seit 10 Jahren in und um Tübingen. Ihr Debütroman „Mein Staat“ sorgt für Aufsehen. Der schlanke Roman, den sie auf dem Bücherfest vorstellen wird, arbeitet mit einer ganz eigenen Sprache und wird als das anspruchsvollste Festivalbuch als Geheimtipp gehandelt.

26.06.2019

Der TAGBLATT ANZEIGER traf die Autorin zum Gespräch, das immer wieder um die Frage kreiste, wie man überhaupt sinnvoll über das höchst ungewöhnliche Buch reden kann.

Wie sollte man
„Mein Staat“ lesen?

Es werden definitiv Lesegewohnheiten durchbrochen. Das ist mir bewusst. Frustration verstehe ich als Potenzial, auch über das Buch hinaus ist die Erfahrung von Frustration alltäglich, auf allen Ebenen. Hier ist ein Versuch, der eine der für mich vorhersehbaren Möglichkeiten in seiner Art produktiv bewältigt, will sagen: Es gibt ein Ende. Die „Sollte“-Frage ist für mich selbstredend Quatsch, wenn ich das sagen darf. Ja. Können Sie atmen? Wie machen Sie das?

Durch die Form, also die spärliche Interpunktion, fehlende Silbentrennung und die eigene Gliederung, aber auch dadurch, dass es zunächst keine erkennbare Handlung gibt?

Es gibt das Buch, das ist die Einladung. Mehr Führung habe ich beim Schreiben auch nicht erhalten. Dass es keinen chirurgischen Schlachtplan gibt, keine Wege, ich finde es zwar steil, zu sagen, aber hier kommt man nie nach Rom.

Sich einlassen, da sein, zuhören – das sind wieder zu- oder auch zurückzugewinnende Träger, die durch die literarische Realität des Staates geformt werden. Es gibt durchaus Konstanten. Zum Beispiel Dr. Morgen, an der sich das erzählende Ich antitherapeutisch konfrontativ bis verliebt abarbeitet. Zwischen Ich und dieser Person findet die greifbarste Interaktion statt: facettenreich, unterschiedlich gebrochen. Kindliche Absolutheit wird weniger direkt verteidigt. Widerstand ist ein weiteres „Leitmotiv“. Zudem gibt es zwischen durchlässigen Transitzonen Inseln, Ruhepunkte, Glück. Die manchmal nur aus wenigen, manchmal sogar nur aus einem Wort bestehen. Ein gewisses Maß an Unschärfe hilft meiner Meinung nach sogar dabei, dem Staat besser begegnen, weniger verstehen zu können. Sicher trägt der Text den Leser nicht. Ja, das ist ehrlich nicht drin. Die Aggregatzustände des Ichs wechseln. Man ist bei der Lektüre auf sich zurückgeworfen. Zugleich gibt es einen Fokus, auch Themen, ernste Wasserkreise, Kampf, Sprachgewalten, Freundschaft, Sehnsuchten.

Damit sind zumindest ein paar Rätsel des Buchs zur Sprache gebracht, die man beim Lesen lösen möchte: Was ist assoziativ und was phänomenologische Beobachtung? Was ist fest? Gibt es zum Beispiel eine konstante Vergangenheit?

Eben nicht! Beim Rätseln setzt der Intellekt an. Die zwanghafte Fixierung auf intellektuelle Auflösung, auf Verstehen hilft bei diesem Text nur bedingt weiter. Dieser Text will nicht befriedigen.

Gerüchteweise geht in der Tübinger Literatenszene um, Andrea Mittag würde selbst nicht lesen, um sich ihre eigene Sprache nicht verderben zu lassen …

Das ist kein Gerücht, obwohl ich mir seltener von außen selbst begegne in der Szene. Aber ich komme da immer wieder an Grenzflächen damit. Das stimmt. Die Angst, dass die Haltung als Arroganz aufgefasst wird. Tatsächlich habe ich im Vergleich zu den meisten Lesern, seien sie nun Autor(inn)en oder andere, wenig gelesen. Mir wurde irgendwann sehr schmerzlich klar, ich kann nicht beides. Das geben schlicht meine Ressourcen nicht her, außerdem will ich lieber machen als kucken. Das ist Temperament … ich kann nicht so gut still sein, Mensch!

Machst Du irgendetwas zur Entspannung? Filme, Serien?

Ich kann keine Filme schauen. Serien, igitt.

Wie landete „Mein Staat“ beim Hans-Schiler Verlag?

Michael Raffel hat den Erstkontakt hergestellt. Ich war ungeduldig, manchmal zum Sterben zu aufgeregt in den Monaten, die vergingen, als das ganze Manuskript dann vorlag. Ich wusste nicht, ob es klappt.

Ist das Ziel, vom Buchverkauf leben zu können?

Ich freue mich darüber, wenn das Buch wahrgenommen wird, egal wie. Wenn es ginge, würde ich gern jede zweite Woche eine Lesung machen und den Weg auch gemeinsam mit anderen Künsten weiter gehen. Gegen Geld verdienen habe ich nichts. Ich wünsche mir am liebsten leben, schreiben, erzählen, stille sein, vielleicht sogar anfangen, lesen zu lernen zu können (lacht) ... War das jetzt noch deutsch? Dr. Morgen könnte kurz vorgestrig sagen: von den schwersten Fällen lernen wir am meisten. Oder: Irgendetwas gelingt immer!

Interview: Philipp Schmidt

Bild: Agentur

Am Ende des Interviews fasste die junge Autorin die Erzählung doch noch in wenigen knappen Sätzen zusammen. Allerdings mit der Bitte, diese Zusammenfassung nicht zu drucken. Der Leser soll nicht geleitet werden. Das führe nur ins Abseits, hier suchen alle mit vereinten Kräften NeuLand. Der Leser solle sich dem Buch und das Buch sich zumuten, sagt die Autorin.

Andrea Mittag liest beim Tübinger Bücherfest am Samstag, 6. Juli, 21 Uhr im Club
Voltaire, Haaggasse 26B, 7 Euro.

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Erstellt:
26. Juni 2019, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
26. Juni 2019, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 26. Juni 2019, 01:00 Uhr

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