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Stein zum Fegen

Auf den Spuren uralter Flurnamen: Sandmühlen

Wer vom Schadenweiler Hof bei Rottenburg hoch in den Rammert wandert, entdeckt oben auf einem Schild den Flurnamen „Sandmühle“.

26.06.2019

Alte Flurnamen Sandmühle Bild: Arndt Spieth

Das Gelände liegt geologisch im Stubensandstein und der Name erinnert an die heute vergessene Welt der „Sandmänner“ oder „Sandbauern“, schwäbisch „Saadbaura“, die hier wie in vielen Waldgegenden mit Stubensandstein den Stein in Fegesand für Dielenböden verwandelten.

Der Stubensand war das Putzmittel unserer Vorfahren. Jeden Samstagmorgen wischte man die „gute Stube“ sauber, schüttete danach feinen Stubensand auf die Holzdielen, lief den Rest des Tages darauf herum, um abends den ganzen Sand samt gebundenem Dreck auszukehren. Die gute Stube war so für die anstehenden Sonntagsbesuche blitzblank geschmirgelt. Zum Reinigen von Holzbottichen benutzte man etwas gröberen Scheuersand. Die Sandmänner fuhren ihren Stubensand mit Pferdefuhrwerken bis in den Schwarzwald und auf die Schwäbische Alb. Buntsandstein eignete sich nicht als Fegesand und so waren die Sandmühlen im Stubensandstein des Keuperberglands für viele Menschen eine wichtige, wenn auch sehr dürftige Einnahmequelle. Ab den 1950er-Jahren waren die Tage des Stubensandes in den Wohnhäusern vorbei, neu entwickelte chemische Putzmittel verdrängen ihn selbst im strukturschwachen Hinterland.

Eine Sandmühle war ein kleines, schuppenähnliches Gebäude. Im Inneren befand sich ein senkrecht aufgestellter, mannshoher Mahlstein, der über eine Querachse fest mit einer senkrechten, hölzernen Säule verkeilt war. Daran war ein Pferd angespannt, das den lieben langen Tag seine Runden ziehen musste, um die Stubensandsteinbrocken in das gewünschte feine Pulver zu verwandelten. Das Ganze war auch für die Sandmänner eine schweißtreibende Arbeit. Sie mussten zuerst großen Steinbrocken und Steinplatten mit primitiven Werkzeugen wie Spitzhacke, Meißel und Holzklöppel in den Sandsteingruben herausbrechen, dann auf einen Holzleiterwagen hieven und durch unwegsames Gelände zur Sandmühle karren. Dort zertrümmerten sie die Steine mit Schlegeln und schippten das zerkleinerte Material immer wieder in die Laufbahn des Mühlsteins.

Atemschutz und Schutzbrillen waren damals unbekannt. Die harten Arbeitsbedingungen, der Hunger und die körperlichen Anstrengungen führten zum frühzeitigen Tod vieler Sandbauern. Sie arbeiteten im Wald bei Wind und Wetter. Konnten sie vor Schmerzen nicht mehr arbeiten, oder wurden sonst krank, hatten sie auch keinerlei Einnahmen und bald auch nichts mehr zu essen. Hatten sie Familie, mussten alle mitschuften, auch die Kinder. Hatten die Männer die grobe Arbeit getan, ging es für den Rest der Familie weiter. Die Frauen und Kinder klopften das Material, siebten und verpackten den Sand. So erinnern die Sandmühlen auch an die bittere Armut von Teilen der Landbevölkerung und den harten Überlebenskampf derer, die alles versuchten, um hier bleiben zu können und nicht nach Amerika auswandern zu müssen. Arndt Spieth

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Erstellt:
26. Juni 2019, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
26. Juni 2019, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 26. Juni 2019, 01:00 Uhr

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