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Pest und Seuche

Auf den Spuren uralter Flurnamen: Schelmen

„Schelmen“ als Flurnamen findet man an vielen Orten im Kreis Tübingen.

30.01.2019

Die Schelmenklinge bei Weilheim. Bild: Arndt Spieth

Wer am Wald oberhalb vom Weilheimer Friedhof spazieren geht, kann dort auf einem Schild das Wort „Schelmenklinge“ lesen. Flurnamen wie „Schelmenacker“, „Schelmenwasen“ oder „Schelmen“ finden wir überall im Landkreis Tübingen.

Ursprünglich bezeichnete das Wort Schelm (althochdeutsch: ‚scelmo, scalmo‘) Aas, toter Körper, Pest oder Seuche. Und im 12. und 13. Jahrhundert war Schelm ein ritterlicher Beiname und bedeutete Todbringer, also ein besonders tapferer, aber auch skrupelloser Kämpfer. Orte mit der Bezeichnung „Schelmen“ lagen außerhalb, aber nicht allzu weit der Siedlungen. Hier wurden die Kadaver von Pferden, Kühen, Schafen und anderen Nutztieren entsorgt. Die Bauern waren verpflichtet, sämtliche Tierkadaver (gefallenes Vieh) an den Abdecker – auch Wasenmeister oder Schinder genannt – zu übergeben. Diese und ihre Gehilfen, die Schinder- oder Luderknechte waren für die Beseitigung von Tierkadavern und die Tierkörperverwertung zuständig und machten daraus auf den Schelmenwasen oder Schindanger genannte Orte Produkte wie Seife, Bleichmittel und Leim.

Abdecker waren auch verpflichtet, streunende Hunde einzufangen. Daher hießen sie auch Hundsschlager oder Hundshäuter. Die unbrauchbaren Reste der toten Tiere vergammelten auf den Schelmenwasen: Sie wurden dort vergraben oder in die Schelmenklingen geworfen. Es waren von Geiern und anderen Aasfressern umlagerte Orte, die von den mittelalterlichen Bewohnern gemieden wurden, schon wegen des heftigen Gestanks und auch der Gefahr von Krankheiten wie dem Milzbrand. Die Landbewohner sprachen damals scherzhaft von den Ochsen- und Gaulskirchhöfen.

Das Wort Schelm benutzte man auch für die Berufsgruppe des Scharfrichters, denn diese war ein von der Gesellschaft verachteter und gemiedener Berufsstand, zumal sie oft gleichzeitig auch die Tätigkeit des Abdeckers ausüben mussten. Von den paar Hinrichtungen im Jahr konnte niemand leben und eine andere Verdienstmöglichkeit gab es für sie kaum.

Während der großen Pestwellen im Mittelalter und im Laufe des 30-jährigen Krieges karrten die wenigen Überlebenden ihre Toten in solche Schelmenklingen oder legten Massengräber an, deren Ort dann später auch als Schelmen bezeichnet wurde. Christliche Bestattungen auf einem Kirchhof waren nicht mehr möglich, wenn die Totengräber und Priester selber unter den Opfern lagen. Immer wieder landeten hier auch die Leichname von Selbstmördern, denen man eine christliche Beerdigung auf einem Gottesacker verweigerte. Wurden auf vorchristlichen Gräberfeldern beim Ackern häufig Menschenknochen gefunden, so bezeichnete man solche Orte manchmal auch als Schelmenäcker.

Mit der Zeit wandelte sich auch die Bedeutung des Wortes. Ein Schelm war im Spätmittelalter ein verworfener Mensch, ein Verbrecher und schelmisch war gleichbedeutend mit schurkisch. In der normalen Bevölkerung fasste man die Bezeichnung Schelm als schwere Beleidigung auf und das war noch im 17. Jahrhundert strafbar. Im 18. Jahrhundert widerfuhr dem Wort abermals ein starker Wandel und es wurde nun im Sinne von „listiger Schalk“ verwendet, so wie wir es heute noch gebrauchen. Wenn eine Person jetzt schelmisch grinst, ist das nicht mehr der hämische Blick eines Betrügers, sondern ein schalkhaftes Lächeln eines Menschen, der etwas Lustiges oder vielleicht auch Hinterlistiges im Schilde führt. Arndt Spieth

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Erstellt:
30. Januar 2019, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
30. Januar 2019, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 30. Januar 2019, 01:00 Uhr

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