Flaischmetzel zu Tübingen

Besondere Bauten in der Region: Altes Schlachthaus Tübingen

Besondere Bauten in der Region: Altes Schlachthaus Tübingen

Das ehemalige Tübinger Schlachthaus in der Langen Gasse 18 ist 500 Jahre alt. Bild: Erich Sommer

Das zweigeschossige Fachwerkhaus mit dem massiv gemauerten Erdgeschoss und der überdachten Außentreppe ist sicherlich eines der bemerkenswertesten Gebäude in der Langen Gasse in Tübingen. Heute gehört es zu einem dreigliedrigen Gebäudekomplex, in dem seit 1979 der Künstlerbund eine Galerie und eine Druckwerkstatt unterhält.

Das Haus (Lange Gasse 18) wurde zu Beginn des 16. Jahrhunderts als Ergänzung zur Langen Gasse 20 gebaut. Von 1511 bis 1892 befand sich in dem Gebäudekomplex die sogenannte „Metzig“, das öffentliche Schlacht-, beziehungsweise Schindhaus. Praktischerweise wurde es direkt über den Ammerkanal gebaut. So ließen sich unappetitliche Schlachtabfälle leicht entsorgen.

Geschlachtet wurde dort schon länger: Bereits 1379 ist von einem Nachbarhaus „under der flaischmetzel zu Tübingen“ die Rede und 1484 verschreibt ein Konrad Götz der St. Urbanspflege einen Zins aus seinem Haus „underm Schinthus“. Vermutlich gab es also einen Vorgängerbau.

Die Metzger werden das Schlachthaus zünftig oder als eine Art Genossenschaft betrieben haben. In einer Metzgereiordnung von 1606 ist zu lesen, dass jeder Metzger, der seine Fleisch- und Wurstwaren im Erdgeschoss des Rathauses feilbot, auch „ain aigenn statt beim schinthuß haben“ solle.

Die Räumlichkeiten im ersten Stock, die man über die Außentreppe an der linken Hausseite erreicht, dienten vermutlich als Zunftstube, um die Mitte des 19. Jahrhunderts wohnte dort der Zunftknecht.

1871, nach der Reichsgründung, machte das preußische Schlachthausgesetz der Metzig in der Langen Gasse den Garaus. Weil die Räumlichkeiten dort so beengt waren, hatte man die meisten Tiere bereits auf Privatbänken geschlachtet, was jetzt nicht mehr zulässig war: Rinder, Schweine und Kälber und Schafe durften nur noch in öffentlichen Einrichtungen ihr Leben lassen. Der Gemeinderat kündigte den Tübinger Metzgern also die Nutzung des Schlachthauses auf, sah sich aber außerstande für andere Räumlichkeiten zu sorgen. Deshalb gründeten die Metzger mit der „Schlachthausgesellschaft“ eine Genossenschaft und machten sich auf die Suche nach einem geeigneten Grundstück – was sich verständlicherweise als schwierig erwies, denn auch Ende des 19. Jahrhunderts hatte niemand Lust auf die akustischen und olfaktorischen Begleiterscheinungen eines Schlachthauses in unmittelbarer Nachbarschaft.

Erst 1893 – also gut 20 Jahre später – konnte der neue Schlachthof an der Ammer am Fuße des Österbergs feierlich eingeweiht werden.

Das alte Schlachthaus in der Langen Gasse wurde ab dem Jahr 1896 als Wohnhaus benutzt, diente ab 1930 eine Zeitlang als städtisches Auktionshaus und stand dann leer. – Erst im Herbst 1979 zog der 1971 gegründete Tübinger Künstlerbund, der zunächst im Keller der Kunsthalle und dann im Stiefelhof untergekommen war, in das eigens für diese Zwecke renovierte Schlachthaus und stellte seine Druckerpressen dahin, wo einst Tiere zur Schlachtbank geführt worden waren. Andrea Bachmann


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18.11.2020, 01:00 Uhr