Herrenhaus, Stall und Scheune

Besondere Bauten in der Region: Schloss Bläsiberg

Besondere Bauten in der Region: Schloss Bläsiberg

Das Herrenhaus vom Bläsiberg überließ die Stadt 1993 der Tübinger Drogenhilfe. Mittlerweile sind die drei Kulturdenkmäler Herrenhaus, Stall und Scheune aufwändig saniert. Bild: Erich Sommer

Wir schreiben das Jahr 69. Der römische Kaiser Titus Vespasian belagert Jerusalem. In seinem Gefolge befand sich ein junger Soldat namens Rabotus, der durch ungeheure Tapferkeit auffiel. Nachdem Titus die Stadt erfolgreich eingenommen und den Tempel zerstört hatte, schenkte er dem jungen Soldaten eine Liegenschaft in den germanischen Provinzen. Auf einem Berghang oberhalb des Steinlachtals baute Rabotus eine kleine Burg und brachte über der Tür aus Dankbarkeit dem römischen Kaiser gegenüber die Buchstaben „T.V.B.“ an. Das stand für „Titi Vespasiani beneficio“, es wurde aber bald „Tub“ oder „Tüb“ ausgesprochen und als im nahe gelegenen Tal eine Stadt entstand, erhielt sie den Namen „Tübingen“. Die Tübinger Pfalzgrafen waren stets sehr stolz auf ihre römischen Wurzeln und zeigten noch im 16. Jahrhundert eine Urkunde auf einer Baumrinde herum, die diese kaiserliche Schenkung dokumentierte.

1000 Jahre später weidete ein Schäfer auf ebendiesem Berg seine Schafe. Er führte sie zu einer Quelle und staunte nicht schlecht, als ein krankes Tier nach dem Genuss des frisches Wassers wieder gesund und fröhlich herumsprang. Man errichtete eine Kapelle und weihte sie dem heiligen Blasius, dem Schutzpatron der Tiere. Aus Blasius wurde bald Bläsi und so heißen Quelle und Anhöhe bis auf den heutigen Tag Bläsibad und Bläsiberg.

Die Kapelle wurde zunächst vom Kloster Zwiefalten betreut, fiel aber irgendwann an das Evangelische Stift. Zur Kapelle gehörten noch ein Haus, ein Hof und zwei Scheunen, die landwirtschaftlichen Erträge dienten vermutlich der Versorgung der jungen Theologiestudenten im Tübinger Stift.

Um 1560 ließ der Tübinger Untervogt Stephan Chonberg umfangreiche Umbauten an dem heute dreigeschossigen Haus mit dem Satteldach durchführen.

Lange Zeit gehörte der Bläsiberg zum Rittergut Kilchberg-Kressbach-Wankheim, 1860 aber pachtete es Heinrich Weber, Professor für Land- und Forstwirtschaft und Ehemann der Frauenrechtlerin Mathilde Weber und zog dort ein Mustergut für seine Studenten auf, ab 1914 betrieb dort die Familie Hermann einen großen Bauernhof mit vollständiger Landwirtschaft: Man baute Viehfutter, Getreide, Kartoffeln und Obst an, der eigene Wald lieferte Brennholz und kurz vor Weihnachten kam der Metzger und schlachtete die Schweine. Brot wurde natürlich selber gebacken, in einem speziellen Backhäusle am Brunnen, um anschließend in einem Brothang im Keller aufbewahrt zu werden. Das Brennholz kam aus dem eigenen Wald. Vier Pferde standen im Stall neben den über zwanzig Kühen. Die Milchwirtschaft war ein wichtiger Erwerbszweig auf dem Bläsiberg.

Ende der 1930er-Jahre gab Familie Hermann den Hof wieder auf, zu viele Töchter hatten nach auswärts geheiratet und es fehlten allenthalben Hände, um die viele Arbeit zu bewältigen. Den Hof übernahm zunächst eine Familie Meyer.

1951 kam das Gut, das mittlerweile über 40 Hektar Ackerflächen und über 32 Hektar Wald verfügte, an die Stadt Tübingen, die dort ein städtisches Obstgut einrichtete. Seit dem Jahr 1994 betreiben die Familien Grüter und Schell das Obstgut Bläsiberg. Sie stellten komplett auf Demeteranbau um, mittlerweile sind sie der größte Apfelproduzent in Demeter-Qualität im Raum Tübingen/Reutlingen.

Das imposante Herrenhaus überließ die Stadt Tübingen im Jahr 1993 der Tübinger Drogenhilfe. Mittlerweile sind die drei Kulturdenkmäler Herrenhaus, Stall und Scheune aufwändig saniert und um drei Neubauten zum zentralen Standort der Tübinger Drogenfachklinik erweitert worden.

Die Architekten Florian Danner und Abdulalim Yildiz legten bei der Sanierung Wert darauf, das Alter der Gebäude sichtbar zu machen und möglichst viel Bestehendes zu erhalten, wie zum Beispiel die Tragstruktur der Scheune. Im Altbau errichteten sie ein Haus im Haus dessen Fenster die beschädigten Felder des Fachwerks füllen. Drei neue Holztafelbauten machen aus dem früher offenen Areal jetzt einen schützenden Innenhof. Seit 2016 finden Drogenkranke an diesem besonderen Ort eine Möglichkeit zu Entzug und Therapie. So gesehen, sprudelt die heilende Quelle des heiligen Blasius also noch immer. Andrea Bachmann


Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

(c) Alle Artikel und sonstigen Inhalte der Website sind urheberrechtlich geschützt. Eine Weiterverbreitung ist nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Verlags Schwäbisches Tagblatt gestattet.


27.11.2019, 01:00 Uhr