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Fundgrube für Geschichten

Besondere Bauten in der Region: Sülchenkirche

03.07.2019

In der Sülchenkirche werden seit 1869 die Bischöfe der Diözese Rottenburg-Stuttgart bestattet. Das ist erstaunlich, denn üblicherweise finden Bischöfe ihre letzte Ruhestätte in dem Dom, an dem sie gewirkt haben. Aber als im Jahr 1821 die Stadt Rottenburg als die der Hauptstadt Stuttgart am nächsten gelegene katholische Stadt der Bischofssitz des noch jungen Königreichs Württemberg wurde, träumte man noch davon, die Pfarrkirche Sankt Martin abreißen und sich einen wirklich prächtigen Dom bauen zu dürfen und bestattete die Bischöfe deshalb vorerst in ihren Heimatgemeinden.

Im Jahr 1869 verstarb Bischof Joseph von Lipp und mittlerweile war klar, dass es mit einem neuen Dom nichts mehr werden würde. Jetzt traf man eine wirklich bemerkenswerte Entscheidung: Anstatt den Dom zur Grablege zu machen, beschloss man, die Bischöfe in Sülchen zu bestatten. Hier war der Rottenburger Friedhof und die Bischöfe sollten inmitten ihrer Gemeinde ruhen. Man bereitete ihnen also unter dem Chor der 1450 von Erzherzog Albrecht VI. von Österreich – dem Gatten von Mechthild von der Pfalz – erbauten gotischen Friedhofskirche eine angemessene Gruft. Dass man dabei die Fundamente der romanischen Vorgängerkirche zerstörte und jede Menge alter Grabsteine aus der Barockzeit einfach als Dämmmaterial „recycelte“, bereitete damals niemandem schlaflose Nächte. Die Denkmalpflege steckte noch in den Kinderschuhen, erst seit 1858 gab es mit Konrad Dietrich Hassler einen Landeskonservator für die Denkmale der Kunst und des Altertums.

2012 dann musste man in dieser bischöflichen Grablege einen Wasserschaden beheben. Bei den Sanierungsarbeiten fand man die Niete einer Saxscheide. Ein Sax ist ein einschneidiges Kurzschwert, das bis ins Hochmittelalter im Gebrauch war. Der jeanshosenknopfgroße Fund ließ vermuten, dass unter der Sülchenkirche noch weitere Zeugnisse der nach der Gründung der Stadt Rottenburg wüst gefallenen Siedlung Sülchen zu finden wären. Man stürzte sich in ein jahrelanges, umfangreiches Grabungsprojekt, das sensationelle Erkenntnisse lieferte: Die Sülchenkirche verfügte nicht nur über eine, sondern über zwei romanische Vorgängerkirchen, denen eine kleinere Eigenkirche der Herren von Sülchen gewichen war, die dort im 7. Jahrhundert erbaut worden war. Unter dieser Kirche fanden die Archäologinnen eine Kiesplanierung und darunter einen Reihengräberfriedhof mit 80 Bestattungen aus dem 6. und 7. Jahrhundert!

Das war eigentlich schon spektakulär genug. Aber es kam noch besser: Bis ins 9. Jahrhundert war es üblich, seinen Angehörigen Dinge mit ins Grab zu geben, die oft etwas über die Identität oder den sozialen Rang der verstorbenen Person aussagten. Unter den zahlreichen Perlen und Fibeln, Pferdetrensen und Gürtelschnallen, Kämmen und Schwertern fanden sich zwei Objekte, die ziemlich eindeutig belegten, dass diese Menschen, die vor 1500 zwischen Spitzberg und Neckar ihre letzte Ruhestätte gefunden hatten, zumindest Kenntnis vom Christentum gehabt haben mussten, das sich ab dem 7. Jahrhundert von Franken her in der Region ausbreitete: ein bronzenes Radkreuz und eine Metallscheibe mit Kreuzsymbolen. Das eine trug ein kleines Mädchen, das andere eine junge Frau an ihrem Gürtelgehänge. Damit war die Sensation perfekt: Ausgerechnet in der jüngsten Diözese Deutschlands finden sich die ältesten Spuren von Christentum!

Insgesamt fand man etwa 300 Bestattungssituationen mit ungefähr 400 Individuen vom frühen Mittelalter bis zur Barockzeit. Eine Fundgrube an Geschichten zur Geschichte, die noch längst nicht auserzählt sind. Nach fünf intensiven Grabungsjahren wurde die Kirche renoviert. Man beauftragte ein Architekturbüro mit der Gestaltung einer neuen bischöflichen Grablege, die sich ungefähr an der Stelle befindet, an der man die ältesten Gräber gefunden hat und richtete in der ehemaligen Gruft einen Ausstellungsbereich ein.

Das Alles kann man sich bei regelmäßig stattfindenden Führungen anschauen. Andrea Bachmann / Bilder: Erich Sommer

Die nächsten Führungen finden am 7., 14., und 21 Juli statt, jeweils im 14.30 Uhr

Im Untergeschoss der Sülchenkirche gibt es eine Multimediashow.

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Erstellt:
3. Juli 2019, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
3. Juli 2019, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 3. Juli 2019, 01:00 Uhr

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