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Besondere Bauten in der Region: das Kalkweiler Tor in Rottenburg

13.01.2021

Ein schönes Detail am Kalkweiler Tor: das Kreuztragungsfresko. Bild: Erich Sommer

Civitas nova prope Rotinburch muris et novis aedificis fuit inchoata“, schreibt der Stiftsherr Conrad von Wurmlingen 1280 in die Sindelfinger Chronik. „Die neue Stadt nahe bei Rotenburg wurde mit Mauer und neuen Gebäuden angefangen.“

Innerhalb von etwa 30 Jahren entsteht eine neue Stadt, ellipsenförmig mit der heutigen Königsstraße als Achse, von der nach beiden Seiten Gassen abzweigen. Um diese Planstadt mit ihren regelmäßigen Häuserblocks entsteht eine beeindruckende Befestigungsanlage, die zum prägenden Element der Neckarstadt wird.

Eine Stadtmauer ist mehr als nur eine Anlage zum Schutz der Bürger. Erst eine Mauer macht eine Stadt zur Stadt, neben ihrer Schutzfunktion demonstriert sie auch Macht und Selbstbewusstsein. Und darüber schienen die Rottenburger in hohem Maße zu verfügen: die Gesamtanlage mit Stadtgraben, Mantel- und Zwingermauern, Wehrgängen, Türmen und Toren muss beeindruckend gewesen sein. Zehn solcher Tortürme sind noch heute im Stadtbild erkennbar, wie viele es genau waren, ist nicht bekannt. Das größte Tor war das Sülcher Tor an der Stelle, wo sich heute der Martinshof befindet: von dort ging es geradewegs ins württembergische Ausland.

Von all diesen Toren ist nur noch das Kalkweiler Tor erhalten, das im frühen 14. Jahrhundert erbaut wurde und im 16. Jahrhundert noch einen Vorbau erhielt. Damals wurde die Stadtmauer um die neu entstandene Spitalsvorstadt errichtet.

Wenn es vom Sülcher Tor aus nach Sülchen und vom Kiebinger Tor nach Kiebingen geht, dann erreicht man durch das Kalkweiler Tor den Ort Kalkweil. Das war ein Dorf, das etwa im 6. Jahrhundert zur Zeit der Merowinger gegründet wurde. Im 15. Jahrhundert wurde das Dorf aufgegeben, heute erinnert noch die Kalkweiler Kapelle an der Straße nach Remmingsheim an den abgegangenen Ort. In dem Torturm mit dem markanten Krüppelwalmdach wohnten der Torwächter und der Hochwächter. Der Torwächter passte auf, dass kein Gesindel in die Stadt kam – davon muss es eine Menge gegeben haben, denn an Markttagen ließ sich der Torwächter noch zusätzlich von Soldaten unterstützen. Außerdem sorgten zwei Torschließer dafür, dass das massive Doppeltor morgens geöffnet und abends geschlossen wurde. Wer außerhalb der Öffnungszeiten in die Stadt hinein oder aus ihr heraus wollte – was nur wenigen Menschen wie zum Beispiel Seelsorgern oder Hebammen überhaupt gestattet war – musste zwei Kreuzer bezahlen.

Über dem Torwächter wohnte der Hochwächter, dessen Aufgabe es war, die Bevölkerung vor Feindeseinfall und Feuersbrunst zu warnen. Ein aussichtsreicher Job: Von der Hochwächterwohnung kann man über ganz Rottenburg bis zur Wurmlinger Kapelle blicken. Die Angst vor solcher Art Katastrophen muss ebenso groß wie berechtigt gewesen sein: Auch am Oberen Tor, am Sülcher Tor und auf dem Turm der Marktkirche, dem späteren Dom, passte ein Hochwächter auf die Stadt auf.

Ausgerechnet der militärische Fortschritt bedeutete das Ende der mittelalterlichen Befestigungsanlagen: Die neuen Kanonen und Musketen, die seit dem 16. Jahrhundert die komplette Kriegsführung revolutionierten, machten auch vor den Rottenburger Mauern nicht Halt. Türme, Tore und Wehranlagen konnten den neuen Feuerwaffen nicht standhalten und wurden nicht mehr verstärkt. Die schwedischen Truppen, die 1633 und 1638 in Rottenburg einfielen, hatten bereits leichtes Spiel.

Auch die beiden großen Stadtbrände von 1644 und 1735 richteten große Schäden an der mittelalterlichen Stadtbefestigung an und die im 19. Jahrhundert einsetzende Stadterweiterung machte die Wälle und Türme vollends entbehrlich. Stück für Stück wurden sie demontiert, umgenutzt und abgerissen. Übrig blieb nur das Kalkweiler Tor, das 1848 noch ein letztes Mal eine militärische Rolle spielte: Am 24. März wurde in Rottenburg vermeldet, dass eine aus Frankreich vertriebene Bande von Fabrikarbeitern die Stadt Offenburg in Brand gesetzt habe und jetzt plündernd, mordend und sengend auf Rottenburg marschiere. Man forderte die Bevölkerung auf, sich zu rüsten, um den Feind abzuwehren und das letzte Stadttor wurde dementsprechend verbarrikadiert und mit Wachtposten versehen. Die nahmen es mit ihrem Auftrag nicht ganz so genau: Gouverneur Uexküll stöberte sie am nächsten Morgen in einer Besenwirtschaft an der Steig auf. Drei Tage später entpuppte sich die Ankunft der französischen Räuberbande als Gerücht.

Das Kalkweiler Tor wurde als Privatwohnung genutzt und 1775 ließ jemand von einem unbekannten Maler das schmucke Kreuztragungsfresko anbringen, das 1975 restauriert wurde. Bis 1968 wurde die ehemalige Torwächterwohnung im Turm bewohnt. Danach stand das Gebäude jahrzehntelang leer und diente nur Ratten, Mäusen und Spinnen als Unterschlupf – zum Verdruss einiger Rottenburger Bürger, die sich 2000 zu einem Verein zur Förderung schützenswerter Gebäude zusammenschlossen. Als erstes Objekt erkor sich diese „Bauhütte“, unterstützt von Oberbürgermeister Tappeser, das Kalkweiler Tor, das sie wieder wohnlich herrichten und begehbar machen wollten.

In Tausenden von ehrenamtlichen Arbeitsstunden wurden Wände und Decken von dicken Schichten Kalk und alter Tapeten befreit, die zum größten Teil händisch mit dem Spatel abgestoßen wurden. Von den Böden musste erst der Abfallschutt beseitigt werde, der bis zu zehn Zentimeter hoch lag, bevor alles mit Leinöl gereinigt und frisch gekalkt wurde. Auch die Außenwände und die alten Torstürze wurden renoviert, dabei konnten sogar zwei Schießscharten wieder freigelegt werden.

Die Mitglieder der Bauhütte, allen voran Walter Steger und Peter Nagel, kümmern sich auch weiterhin um den alten Torturm, von dem man auf einem Stadtmauerrest zum benachbarten Schütteturm laufen kann, der unmittelbar an den Bereich des Hohenberger Schlosses angrenzt. Dessen Wohngeschoss wurde 1837 nach einem Blitzeinschlag abgetragen und dann nur durch ein Dach ersetzt. Von dem Wehrgang zwischen den beiden Tortürmen hat man einen märchenhaften Blick über die Rottenburger Altstadt. Andrea Bachmann

Das Kalkweiler Tor ist der letzte noch erhaltene Torturm von einer ehemals sehr stattlichen Anzahl mittelalterlicher Tore in Rottenburg. Bild: Erich Sommer

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Erstellt:
13. Januar 2021, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
13. Januar 2021, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 13. Januar 2021, 01:00 Uhr

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