Das Kino im Adelspalais

Besondere Bauten in der Region: das Waldhorn in Rottenburg

Das markante Gebäude hinter dem Dom in Rottenburg hat schon viele beherbergt: Adelige, Biertrinker, Leseratten, Tanzfreudige, Spielsüchtige, Krippenfiguren, Kunden und Kinogänger.

Besondere Bauten in der Region: das Waldhorn in Rottenburg

Sieht nicht nur groß aus, ist es auch: Das Waldhorn in Rottenburg umfasst 1000 Quadratmeter Fläche. Bilder: Erich Sommer

Rottenburg. Das „Waldhorn“ in Rottenburg, in dem sich heute ein wunderschönes Kino mit dem besten Programm im ganzen Südwesten befindet, ist das größte Adelspalais der Stadt und auch das am höchsten eingestufte Baudenkmal. Nachdem der Vorgängerbau – eine Markthalle für Hopfen – dem großen Rottenburger Stadtbrand im Jahr 1644 zum Opfer gefallen war, erbaute Baron Karl Sigmund von Hohenberg 1670 das prächtige Barockgebäude, das einem Steuerbescheid aus demselben Jahr zufolge schon damals das vornehmste und teuerste Haus Rottenburgs war.

Die Freiherren von Hohenberg waren Nachkommen von Erzherzog Ferdinand II. von Tirol, der die Augsburgerin Philippine Welserin geheiratet hatte. Durch die Ehe mit einer Bürgerstochter waren seine Nachkommen von der habsburgischen Erbfolge ausgeschlossen und führten den Titel Freiherren von Hohenberg.

Einer von ihnen war Karl Sigmund von Hohenberg, der als Landeshauptmann oder Landvogt das höchste Amt in der zu Vorderösterreich gehörenden Grafschaft Hohenberg innehatte. Damit regierte er über ein Territorium, das bis nach Fridingen an der Oberen Donau reichte. Er war mit Susanna von Rost zu Auhofen und Kehlburg verheiratet. Das Paar hatte acht Kinder.

Ein „Familienporträt“, das Karl Sigmund und Susanna im Kreise ihrer Kinder zeigt, hängt in der Sülchenkirche: Das monumentale Gemälde aus dem Umkreis des Malers Johann Heinrich Schönfeld, das vordergründig die Auferweckung des Lazarus thematisiert, wurde von Susanna von Rost in Auftrag gegeben und hing bis zu dessen Renovierung 1955 im Rottenburger Dom, wo die Familie eine Grablege hatte.

Die Witwe des letzten Freiherren von Hohenberg hatte in zweiter Ehe Baron Joseph Rupert von Raßler, den damaligen Schlossherren der Weitenburg, geheiratet. Das Haus kam also in den Besitz der Familie Raßler von Gamerschwang, die es vor über 200 Jahren an eine Familie Fischer aus Seebronn verkaufte. Die wiederum machten einen Gasthof mit Bierbrauerei aus dem adeligen Anwesen: Auf dem schönen Rokoko-Gasthausanker am Waldhorn ist noch deutlich die Jahreszahl 1770 zu lesen.

Im 19. Jahrhundert beherbergte das Waldhorn eine besondere Attraktion: Kreszentia Fischer, die Ehefrau des Waldhornwirtes Andreas Fischer, hatte den Weber und Bortenwirker Leopold Lazaro, einen Rottenburger mit italienischem Migrationshintergrund, beauftragt, eine große Krippe zu gestalten, die im Waldhornsaal aufgestellt wurde. Schon damals gab es im Waldhorn also ganz großes Kino.

Diese Krippe existiert immer noch: Kreszentia Fischer stiftete die kostbaren Figuren der Wallfahrtskirche im Weggental, wo sie auch jetzt noch alljährlich von Weihnachten bis Mariä Lichtmess zahlreiche Besucher anzieht.

Im 20. Jahrhundert wurde aus dem Gasthof gleichzeitig oder nacheinander eine Bank, eine Volksbücherei, ein Lebensmittelgeschäft, ein Spielcasino, eine Pianokellerbar, ein Friseursalon, das Postamt und eben das „Kino Waldhorn“.

Im Jahr 2014 suchten die Nachkommen der Waldhornwirte jedoch nach einem Käufer für das mit 1000 Quadratmeter Gewerbefläche stattliche Anwesen und fanden ihn in dem Tübinger Frank Eger, der das Waldhorn als Kulturzentrum mit Kino erhalten möchte. Andrea Bachmann


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02.05.2019, 01:00 Uhr