Das Zentralgefängnis der Stadt

Besondere Bauten in der Region: der Diebsturm in der Tübinger Neckarhalde

05.08.2020

Der „Diebsturm“ in der Neckarhalde ist ein Überrest des Hirschauer Tores. Bild: Erich Sommer

Um 1140, zu der Zeit, als Graf Hugo III. von Tübingen von König Konrad III. die Pfalzgrafenwürde im Herzogtum Schwaben verliehen bekommt, fängt man an, um Tübingen eine Mauer zu bauen. Sie bestand aus einer Hauptmauer, der noch eine niedrigere Nebenmauer vorgelagert war. (Den Raum dazwischen nennt man übrigens Zwinger, weil er zwischen zwei Mauern eingezwängt ist.)

Während die Hauptmauer mit fünf großen Tortürmen versehen wurde – dem Neckartor, dem Lustnauer Tor, dem Schmiedtor, dem Haagtor und dem Hirschauer Tor – bekam die vorgelagerte Nebenmauer nordwestlich vom Haagtor noch den kleineren „Gaisturm“ und auf der Neckarseite drei Rundtürme: einen (wiederaufgebauten) Turm an der Neckarbrücke, den heutigen Hölderlinturm und ein kleines, verwunschenes Türmchen im Garten des Dekanatamts der evangelischen Kirche in der Neckarhalde: den „Diebsturm“. Der Name ist Programm: Viele Jahre war hier das Zentralgefängnis der Stadt.

Vom Diebsturm führte über das in der Nebenmauer eingelassene Zwingertor ein mit Zinnen bestückter Wehrgang hinüber zu der zum Schloss ansteigenden Stadtmauer. 1790 sah das ganze Ensemble wohl so aus: „Das Tor besteht aus einem über 50 Fuß hohem altmodischem Turme, in kleinem Abstand davon ein zweites nur niederes Tor und daran ein gegen den Fluss hinstehender etliche 20 Fuß hoher steinerner runder Turm, auf diesem ein hölzernes Blockhäuschen und dieses ist nebst hier befindlichem Bodenturm oder Verlies das Hauptgefängnis der Justiz“ weiß ein Zeitgenosse.

Im Jahr 1824 wurde das Hirschauer Tor abgerissen. Der Diebsturm blieb hingegen stehen. Und heute ist das ehemalige „Verlies“ eine schmucke Privat-Bibliothek.

Zu Beginn des Jahrtausends war der aus Bruchstein gemauerte Wehrturm mit Zeltdach und Schlüsselscharten nur noch eine Ruine. Der Tübinger Journalist Burkhard Baltzer suchte ein Büro in der Nähe seiner Wohnung in der Neckarhalde, verliebte sich in das Türmchen, das weder über fließend Wasser noch Strom noch einen Telefonanschluss verfügte und überredete den evangelischen Kirchengemeinderat, ihm das ungewöhnliche Objekt zu vermieten. Der Turm wurde liebevoll und aufwändig saniert – für einen Wasserleitung zum Beispiel musste eine Spezialfirma Löcher in die 1,60 Meter dicken Wände bohren – und eingerichtet: mit einem alten Viehtrog aus Ofterdingen als Waschbecken und Fenstern, die im Schutt auf dem Dachboden gefunden wurden. Die Schießscharten wurden zugemauert und es wurde ein Heizofen eingebaut. Der Keller, der sehr sportlich über eine steile Treppe erreicht wird, dient nun als Bibliothek.

Jetzt entstehen in dem früheren Hauptgefängnis der Stadt schön aufgemachte Bücher mit Texten Tübinger Autorinnen und Autoren und hin und wieder gibt es Lesungen mit Wein und Suppe. Die Akustik in dem runden Raum ist hervorragend – und der kleine Turm ist nicht mehr nur ein wichtiger Rest der mittelalterlichen Stadtanlage, sondern sicherlich das ungewöhnlichste Büro Tübingens. Andrea Bachmann

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Erstellt:
5. August 2020, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
5. August 2020, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 5. August 2020, 01:00 Uhr

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