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Opulentes Gebäude

Besondere Bauten in der Region: der Tübinger Wurstpalast

Heute ist es mit seinem gründerzeitlichen Charme und dem Jugendstildekor beinahe wieder schick und ein beliebtes Fotomotiv: Das imposante Backsteingebäude in der Tübinger Neckargasse 1. Zwischen dem gotischen Stiftskirchenchor, dem Renaissancefachwerk der Häuser auf dem Holzmarkt und der klassizistischen Neuen Straße mutet es zumindest sonderbar an.

11.09.2019

Ganz viele Dachaufbauten, Türmchen, Erker, Gesimse, Balkone und Fassadenschmuck am Haus Neckargasse 1.Bilder: Erich Sommer

Bis 1900 stand dort ein jahrhundertealtes Fachwerkhaus, in dem der Hutmacher Robert Fischer seine Werkstatt hatte. Das Haus daneben gehörte einer Familie Memminger. Deren Tochter Sofie war mit dem Bäckermeister Friedrich Schwägerle verheiratet, der in dem Haus seine Bäckerei betrieb. Das „M“ in der Gittertür im Haus Neckargasse 1 ½ (nummer 3 war bereits vergeben) und die Brezel darunter weisen darauf hin. Sofies Schwester Albertine war die Ehefrau des wohlhabenden Metzgers Gustav Adolf Völter, dessen Metzgerei sich in der Hafengasse 1 befand.

Nicht nur die Nachbarschaft zu Schwester und Schwager, sondern vor allem der Umstand, dass die Neckargasse eine viel stärker frequentierte Straße als die Hafengasse war, wird Metzger Völter dazu bewogen haben, das Anwesen von Robert Fischer käuflich zu erwerben und das alte Haus durch einen Neubau zu ersetzen. Als Architekten heuerte er niemand Geringeren als den Stuttgarter Regierungsbaumeister Adolf Katz an, der in Tübingen schon das Haus der Studentenverbindung Rhenania und die Stützmauer der Mühlstraße gebaut hatte.

Für das im Stadtbild so zentrale Eckgebäude legte der Architekt sich mächtig ins Zeug: Es entstand ein drei- bis viergeschossiges Backsteingebäude mit vielen verschiedenen Dachaufbauten, Türmchen und Erkern. Die großen Schaufensterbögen sowie die zahlreichen Gesimse, Gewände und Balkone wurden aus Sandstein gefertigt. Außerdem dekorierte Katz die Fassade zusätzlich mit jeder Menge Ornamenten und Blumenmotiven, Reliefs und Wappen. Im Giebel prangten die Monogramme „GV“ und „AV“, für Gustav und Albertine Völter. Schmiedeeiserne Balkongitter vervollständigten das Bild.

Der Verkaufsraum stand mit seiner prächtigen Ladentheke und den bunten Majolikafliesen dem Äußeren des Gebäudes in nichts nach. In den großen Schaufenstern prangten Würste und Schinken. Die Tübinger rieben sich erstaunt die Augen – und tauften das opulente Gebäude auf den Namen „Wurstpalast“. Der Fassadenschmuck aus Säulen und Kranzringen tat sein Übriges, um den Spitznamen zu rechtfertigen.

Nur humorvoll ging man in Tübingen mit diesem spektakulären Stück Architektur aber nicht um. Bald regte sich Widerstand und 1907 verabschiedete die Stadtverwaltung eine Stadtbildsatzung, die für einen Großteil der Oberstadt Backsteinbauten, sichtbare Eisenkonstruktionen, flache Dächer und Dacheindeckungen mit Schiefer, Zink oder Blech kurzerhand verbot.

Jahrzehnte später, nach dem Zweiten Weltkrieg, hatten sich die Tübinger noch immer nicht mit dem „Wurstpalast“ abgefunden. Als der Enkel des Bauherrn eine Leuchtreklame beantragte, um seine Wurstprodukte besser in Szene zu setzen, wurde ihm die Erlaubnis verweigert – so würden „die äußerst unangenehmen Bauformen Ihres Hauses nur noch mehr hervorgehoben“.

Angelika Bachmann

Eines der zahlreichen, verspielten Gebäudedetails am Eingang.

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Erstellt:
11. September 2019, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
11. September 2019, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 11. September 2019, 01:00 Uhr

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