Bilanz nach drei Jahren generalistischer Pflegeausbildung

03.08.2022

Bilanz nach drei Jahren generalistischer Pflegeausbildung

Wie hat die generalistische Pflegeausbildung die Krankenpflege verändert? Etwa drei Jahre sind seit der Einführung vergangen – mehrere Pflegeberufe wurden unter der generalistischen Pflegeausbildung beziehungsweise der Ausbildung zur Pflegefachkraft fusioniert. Wie viele Auszubildende sind in diesem Beruf tätig? Welchen Einfluss hat die generalistische Pflegeausbildung auf die Qualität und vor allem die Bedarfsdeckung nach Fachkräften in der Pflege?

Über 100.000 Auszubildende im Jahr 2021

Laut einer Pressemitteilung des Statistischen Bundesamts vom März 2022 waren im Jahr 2021 61.458 Auszubildende in der Berufsausbildung zur Pflegefachkraft beziehungsweise zum Pflegefachmann oder zur Pflegefachfrau. Das sind, gegenüber 2020 mit 57.294 Auszubildenden, sieben Prozent mehr. Zusammen macht das insgesamt zirka. 105.000 Auszubildende seit Einführung der Ausbildungsreform. Es darf erwartet werden, dass diese Entwicklung in 2022 fortgeführt wird.

Der überwiegende Anteil der Auszubildenden sind übrigens Frauen (zirka 75 Prozent).

Die generalistische Ausbildung hat den Ausbildungsweg übersichtlicher gemacht und führt zu mehr Möglichkeiten.

Die generalistische Pflegeausbildung bietet viele Vorteile, zum Beispiel die Standardisierung in den verschiedenen Berufsfeldern. Absolventen beziehungsweise ausgelernte Pflegefachkräfte haben ein breiteres Spektrum an Fähigkeiten und können nach ihrer Ausbildung in vielen Bereichen arbeiten – sie sind weniger eingeschränkt beziehungsweise vorgeprägt als beim alten Ausbildungsmodell. So spielt beispielsweise das Alter der Patienten keine Rolle mehr. Eine Krankenschwester kann sowohl Kinder als auch Erwachsene betreuen. Dies ist ein Vorteil, der die Berufsaussichten verbessern kann.

Auch wer ins Ausland gehen möchte, kann von der Ausbildung zur Pflegefachkraft profitieren. Es handelt sich um eine international anerkannte Ausbildung, die auch in anderen Ländern genutzt werden kann. Der Berufsschulabschluss ist zum Beispiel europaweit anerkannt und entspricht den EU-Anforderungen – damit können Absolventen dann nach Abschluss der Ausbildung als examinierte Krankenschwestern und Krankenpfleger in Europa arbeiten. Was war nochmal der Unterschied zwischen der „alten“ und der generalistischen Ausbildung in der Krankenpflege?

Die Zeit vor der generalistischen Pflegeausbildung

Die Bundesregierung hat die Pflegeausbildung verändert und neu strukturiert. Zum 1. Januar 2020 wurden die drei Berufsbilder Kinderkrankenpfleger/in, Altenpfleger/in und Krankenpfleger/in abgeschafft. Sie wurden durch eine generalistische Pflegeausbildung ersetzt. Dies ermöglicht eine Spezialisierung in allen drei Bereichen, was einen schnelleren Einstieg in den Pflegeberuf erleichtert, eine größere Diversifizierung ermöglicht und ein ausgewogeneres System schafft. Ein Hochschulstudium ist eine Option für diejenigen, die ihre Ausbildung in der allgemeinen Krankenpflege vertiefen möchten.

Hat sich das Einstiegsgehalt verändert?

Auszubildende in der Krankenpflege haben, das wurde durch die Corona-Pandemie sehr deutlich, ein „ethisches Recht“ auf eine gut bezahlte Stelle. Tatsächlich sind die Gehälter leicht angestiegen, verglichen zum vorigen System – doch keineswegs in dem notwendigen Ausmaß. Dies kann aktuell aber der generellen Krise steigender Ungleichheit zwischen Gehältern und Vermögen zugeschrieben werden: Auch andere Ausbildungsberufe sind, verglichen zu den steigenden Lebenshaltungskosten, nach wie vor schlecht bezahlt. Daran wird sich ohne drastische systematische Änderungen zum Ausgleich der Schere zwischen Arm und Reich auch nichts ändern. Zumindest steigt die Ausbildungsvergütung wie auch in anderen Berufen üblich mit steigender Erfahrung stark an. Hier ein einschätzender grober Vergleich der Ausbildungsgehälter- und Einstiegsgehälter von 2019/2020 und 2022 (Brutto):

Bilanz Pflegeausbildung

Bilanz Pflegeausbildung

Image des Pflegeberufs ist angekratzt: Ein Teufelskreis

Die Krankenpflege leidet unter Personalmangel und Zeitdruck, was sowohl den Patienten als auch den Beschäftigten schadet. Dieses Problem ist nicht neu, aber es hat sich im Laufe der Jahre verschärft. Krankenschwestern und -pfleger müssen sich oft um 25 oder mehr Patienten pro Tag kümmern. Pflegekräften sind auf FSJ-Absolventen und Sozialpraktikanten quasi angewiesen: Sie sind im Grunde genommen Angestellte. Das Pflegepersonal wird oft ungerecht behandelt und unzureichend bezahlt. Trotz dieser Probleme und der sich daraus ergebenden Dringlichkeit für Veränderung sind viele Menschen der Meinung, dass wenig getan wird, um etwas zu ändern. Warum ist das so? Was hat die generalistische Pflegeausbildung in den letzten drei Jahren hier verbessert?

Gehaltsentwicklung hat noch Potential: Der Fachkräftemangel ist nur die eine Seite der Medaille

Personal ist das Einzige, was Überforderung, Zeitdruck und Personalmangel stoppen kann. Genau darauf zielt das generalistische Pflegeprogramm ab: Der Pflegeberuf ist aufgrund seiner geringen Bezahlung und seines schlechten Rufs für junge Menschen nicht attraktiv genug. Viele Menschen werden davon abgehalten, eine Karriere in der Krankenpflege oder im Gesundheitswesen anzustreben.

Dies ist nur ein Problem. Es gibt viele Möglichkeiten, den Pflegeberuf für mehr Menschen attraktiver zu machen, damit sie sich für diesen Beruf entscheiden. Ein Beispiel ist das Gehalt. Es ist bekannt, dass Krankenschwestern in Deutschland nicht gut bezahlt werden. Ver.di und die IG Metall haben gezeigt, dass ein tarifvertraglich vereinbarter Mindestlohn einen erheblichen Unterschied machen kann. In einem Tarifvertrag wurde ein nationaler Mindestlohn für Krankenschwestern vorgeschlagen, der 2021 allerdings nicht angenommen wurde.

Zukünftiger Hebel für mehr Gehalt: Mindestlohn

Es ist schwer zu glauben, dass die Leiter von Pflegeheimen den Mindestlohn nicht angenommen haben, zumal es sich um einen so professionellen Bereich handelt. Die Realität ist jedoch viel komplexer. Die Verhandlungen wurden von der katholischen Caritas 2021 abgebrochen, die sich immer für hohe Löhne und hervorragende Pflege eingesetzt hat. Teilweise war dies auf die egoistische Befürchtung zurückzuführen, dass die Caritas ihre Attraktivität als Arbeitsplatz verlieren würde, wenn sie einen niedrigeren Mindestlohn hätte. Die Gehaltsunterschiede zwischen der Caritas und anderen Einrichtungen wären geringer, wenn es einen branchenweiten Mindestlohn gäbe. Tatsächlich wurde erwartet, dass die Verhandlungen erfolgreich sein würden und der Mindestlohn von 19 Euro pro Stunde bis 2023 steigen würde. Die Arbeitgeberverbände ver.di (BVAP) hatten bereits eine ähnliche Vereinbarung getroffen. In Zusammenarbeit mit Hubertus Heil (Bundesarbeitsministerium, SPD) wollten die Parteien diese Regelung auf alle Branchen ausweiten. Das Gesetz sieht jedoch vor, dass die Parteien die Zustimmung von Diakonie, Caritas und deutschen Kirchenverbänden einholen müssen.

Fazit

Das ist die aktuelle Situation für Krankenschwestern und Krankenpfleger nach drei Jahren generalistischer Ausbildung zusammengefasst: Eine Vielzahl von Pflegebereichen und -berufen sind jetzt eins: Die generalistische Ausbildung eröffnet den Auszubildenden mehr berufliche Möglichkeiten. Der Wissenstransfer ist größer und breiter, so dass die Absolventen effektiver und flexibler in verschiedenen Regionen und europaweit eingesetzt werden können. Die Pflegebranche bietet zukunftssichere Karrieren, denn sie ist nach wie vor relevant für kommende Generationen. Und auch das Gehalt hat sich, wenn auch nicht drastisch, positiv verändert. Wie in allen anderen Berufen auch werden Anstiege hier allerdings von steigenden Lebenshaltungskosten und inflationsbedingten Effekten geschluckt – dies ist jedoch nicht der generalistischen Pflegeausbildung zuzuschreiben. Im Gegenteil: Durch diese verbessern sich die beruflichen Aussichten, was ein Gegensteuern in aktuellen Krisenzeiten einfacher manövrierbar macht.

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Erstellt:
03.08.2022, 11:18 Uhr
Lesedauer: ca. 4min 20sec
zuletzt aktualisiert: 03.08.2022, 11:18 Uhr

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