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Aus der Luft und zu Fuß (14)

Bodelshausen

Bodelshausen ist die südlichste Gemeinde des Landkreises. Zum ersten Mal erwähnt wird der Ort in dem berühmten Hirsauer Codex von 1100, aber die Namensendung “hausen“ lässt darauf schließen, dass bereits im 7. oder 8. Jahrhundert Menschen hier gesiedelt haben.

24.01.2018
  • Andrea Bachmann

Im 9. Jahrhundert war Dionysius – der Bischof von Paris, der nach seiner Enthauptung seinen Kopf noch kilometerweit zu der Stelle getragen haben soll, an der er begraben werden wollte – ein besonders populärer Heiliger, sodass die Gründung der Bodelshäuser Kirche vermutlich auf diese Zeit zurückgeht. Der Kirchturm stammt von 1245, der Kirchenbau aus dem 13. Jahrhundert stand daneben. Da Bodelshausen seit 1453 den Grafen und Herzögen von Württemberg gehörte, wurde hier 1534 die Reformation eingeführt, während alle umliegenden Dörfer katholisch blieben. Vom 16. bis zum 18. Jahrhundert kamen deshalb sämtliche Protestanten aus der Region nach Bodelshausen zum Gottesdienst, zeitweise drängten sich sonntags über 100 Gläubige in der kleinen Kirche. Die musste im 19. Jahrhundert mehrfach wegen Einsturzgefahr geschlossen werden, wurde schließlich abgebrochen und von dem Architekten Georg Rupp durch einen neugotischen Bau im Kameralamtsstil – also nach einem von staatlichen Baubeamten erstellten Musterplan – ersetzt.

Bodelshausen war ein armes Dorf, 1745 bezeichnete es ein Ortspfarrer als „formales Raubnest“. Die Pest und der 30-jährige Krieg, Missernten und Hungersnöte dezimierten die Bevölkerung und vertrieben all diejenigen, die hier weder Lohn noch Brot fanden. Erst Anfang des 19. Jahrhunderts änderte sich das. Schon in der Oberamtsbeschreibung von 1828 ist zu lesen, dass sich die Bodelshäuser ziemlich viel mit Spinnen und Weben beschäftigen, 1835 werden in Heimarbeit bereits 250 Doppelspinnereien und 206 Doppelräder in der Textilherstellung betrieben und 1876 gründet der Kaufmann Carl Neidhart eine Strickerei. Heute ist die Textilindustrie aus Bodelshausen nicht mehr wegzudenken, sie ist die bedeutendste Branche in dem mittlerweile ausgesprochen industriefreundlichen Ort. Von Armut und Rückwärtsgewandtheit kann keine Rede mehr sein.

Auch in der Altenhoferstraße sollten zu Beginn des Jahrtausends neue Zeiten anbrechen und ein ziemlich heruntergekommenes Haus einem Neubau weichen. Das Gebäude war schon zum Abbruch freigegeben, als eine Innenaufnahme vom Haus einen Denkmalpfleger stutzig machte. Er holte einen Bauhistoriker und das 1484 erbaute Haus durfte schließlich stehen bleiben und wurde unter Denkmalschutz gestellt. Ein Lehrer und eine Restauratorin kauften das Haus und ließen sich auf eine jahrelange, sorgfältige Sanierungsarbeit ein, bei der sie Schönheiten wie eine Bohlenstube aus der Erbauungszeit und das barocke „Kabinettlein“ des Chirurgen und Dorfschultheißen Georg Wilhelm Sturm wieder herstellten. Dabei ging es nicht nur darum, das Haus wieder schön und bewohnbar zu machen, sondern auch Spuren vergangener Zeiten zu finden. Und davon gab es reichlich: Bodenfliesen, Schuhschnallen, Ofenkacheln, Fingerringe und vieles mehr. Im Keller machte der Bauherr den erstaunlichsten Fund. Frühere Bewohner des Hauses hatten zwischen 1694 und vor dem 18. Jahrhundert über ein Dutzend mit Deckeln verschlossene Keramiktöpfe im Boden vergraben. Wahrscheinlich gehörten sie der Familie von Georg Wilhelm Sturm. Der Gefäßinhalt wurde analysiert und es stellte sich heraus, dass es sich um sogenannte Nachgeburtstöpfe handelte: In der frühen Neuzeit waren Geburt und Wochenbett für Mutter und Kind gefährliche Zeiten, die man durch mehr oder weniger magische Rituale zu beeinflussen versuchte. Dazu gehörte der Brauch, die Plazenta an einem Ort zu vergraben, „wo weder Sonne noch Mond hinscheint“, damit zum Beispiel keine Hexe aus der Nachgeburt einen Wechselbalg machen konnte.

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24.01.2018, 01:00 Uhr
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