Bizarre Kunst in der Unterwelt

Corona verkürzt einen Besuch in der Nebelhöhle um 80 Meter

Nachdem die Nebelhöhle am 8. März 2020 schließen musste, dürfen Besucher seit Mai wieder in die 9 Grad kühle Unterwelt auf der Schwäbischen Alb abtauchen. Höhlenführer Kuno Wanderer und seine Teamkollegen achten darauf, dass die Abstände eingehalten werden.

07.10.2020

Erstaunlich: Auch im Jahr 1778 gab es schon Graffitis.

Wegen Corona hat sich in der Nebelhöhle einiges verändert. „Die Begehung ist derzeit nur als Einbahnstraße möglich“, berichtet Kuno Wanderer. Der bekannte Eingang von 1920 wird wie gewohnt genutzt, doch als Ausgang dient der frühere Eingang von 1803. Er endet direkt am Berghang, von dem aus man über den Parkplatz zum Ausgangspunkt zurückkommt. Eine interessante Tour übrigens, denn man lernt auch das „Nebelloch“ kennen, das der Höhle seinen Namen gab. „Wenn es im Winter draußen kälter ist als in der Höhle, sieht man die 8 bis 10 Grad warme Luft hier aufsteigen“, erklärt Wanderer. Dann sehe es fast aus wie ein dampfender Vulkan. Da der Wasserdampf sofort kondensiere und an den Bäumen lange schwere Eiszapfen bilde, seien die Bäume unter dem Gewicht zusammengebrochen. Dadurch entstand ein neuer Lebensraum für den blauen Alpenbock.

Bereits 1486 sei das Nebelloch laut Wanderer in den Quellen vermerkt. Es liegt im alten Teil der Höhle, der schon 1517 entdeckt wurde. 1803 wünschte König Friedrich I. von Württemberg, genannt der Dicke, sie zu besichtigen. „Für ihn wurde eine Holztreppe angelegt, während man sich vorher wohl nur mit Strickleitern hinunter gelassen hat“, erklärt Wanderer. Die Holztreppe wurde durch die heutige solide Metalltreppe ersetzt. Doch das traditionelle Nebelhöhlenfest erinnert noch heute an den königlichen Besuch.

Ein Forscher aus Stuttgart entdeckte 1920 die neue Nebelhöhle, die man durch das Kassenhäuschen als erstes betritt. Ein Felsbogen trennt den alten Bereich, der überwiegend auf Lichtensteiner Gemarkung liegt, vom neuen, der zu Sonnenbühl gehört. Während die alte Höhle zuerst nur mit Fackeln und Kerzen begangen wurde, erhielt die neue sogleich elektrisches Licht.

Über 141 Stufen geht es hinab in den Bauch der Erde. 50 Meter ist die Höhle maximal tief und 830 Meter lang. Begehbar sind davon 480 Meter, wobei die Höhle in Pandemiezeiten auf 400 Meter verkürzt werden musste. „Die engen Passagen, in denen sich Besucher zu nahe kommen, mussten wir leider sperren“, so Wanderer. Dazu gehört auch die Ulrichs-höhle. Herzog Ulrich soll sich hier laut dem Roman „Lichtenstein“ von Wilhelm Hauff vor dem Schwäbischen Bund versteckt haben. „Ob es stimmt, weiß ich nicht, aber wir können gut mit der Geschichte leben“, so Wanderer.

Auf jeden Fall regen die Tropfsteinformationen die Fantasie an. Besonders, seit die Höhle vor sechs Jahren LED-Beleuchtung erhielt, die die Steine von unten anstrahlt und völlig neue Sichtweisen eröffnet. Den Nikolaus, die Zwerge, den Dino Brutus, die Hochzeitstorte – Kinder entdeckten das alles auf Anhieb, berichtet Wanderer, während Erwachsene etwas mehr Zeit brauchten. Doch alle Besucher der Höhle staunen, wenn sie erfahren, dass Tropfsteine in rund 80 Jahren nur um einen Kubikzentimeter wachsen – das ist das Volumen eines Stücks Würfelzucker.

Vorbei an den Steinmännchen, die Besucher aus Geröll aufgeschichtet haben, geht die unterirdische Wanderung bis zum „Glühenden Tropfstein“, der im Schein der Taschenlampe zu leuchten beginnt. Andere Tropfsteine klingen, wenn Wanderer sie anschlägt. An Felswänden entdeckt man die Graffitis von Besuchern aus dem 18. Jahrhundert oder geheimnisvolle Handabdrücke aus Ruß, die noch nicht erforscht wurden. Der „Dom“ schließlich, in dem normalerweise Konzerte stattfinden, ist zauberhaft in wechselnden Farben illuminiert. Wie Wanderer weiß, kommen auch einige Besucher mit Pollenallergie, Asthma oder Neurodermitis regelmäßig in die Nebelhöhle, um hier beschwerdefreie Stunden zu erleben.

Wer wie früher mit Laterne durch die Höhle gehen möchte, kann mit „Schattenspiel und Spätzle“ eine besondere Atmosphäre mit kulinarischem Abschluss erleben. Für Kinder werden eine Schatzsuche und eine Märchenführung angeboten. Drei Mottoführungen können gebucht werden, um eigene Feste wie Geburtstage oder Mitarbeiterfeste zu gestalten. Gabriele Böhm

Die Höhle ist bis zum 1. November 2020 täglich zwischen 9 und 17.30 Uhr geöffnet.

November: Samstag und Sonntag von 9 bis 17 Uhr geöffnet.

Dezember bis Februar ist in der Höhle Winterpause

Telefon: 0 71 28 / 605

https://hoehlen.sonnenbuehl.de

Das ist der sogenannte „Altar“ im „Haus der Zauberin“ – eines der Highlights der Nebelhöhle.

Kuno Wanderer zeigt Gästen gerne seine Höhlenwelt. Dabei lässt er auch Tropfsteine durch Anschlagen erklingen. Bilder: Gabriele Böhm

Zum Artikel

Erstellt:
7. Oktober 2020, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
7. Oktober 2020, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 7. Oktober 2020, 01:00 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen


Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.