„Möchte gerne bleiben“

Den Südstadtkiosk Tintenfass gibt es seit acht Jahren, aber vielleicht nur noch bis Ende Dezember

08.07.2020

Gunnar Hartsieker mitten im bunten Sortiment im Südstadtkiosk Tintenfass. Bild: Andrea Bachmann

Ich bin oft der erste Mensch, zu dem die Leute hier im Quartier ‚Guten Morgen‘ sagen.“ Gunnar Hartsieker ist seit acht Jahren eine Institution in der Tübinger Südstadt. Am 12. Juli 2012 öffnete er sein „Tintenfass“ an der Eugenstraße, einen Laden, in dem man Zeitungen und Zeitschriften, Tabakwaren, Schreibwaren, Bücher und manches andere kaufen und Lottoscheine ausfüllen kann. Eine Postfiliale rundet das Angebot ab.

Solche Lädchen, Buden und Kioske gab es früher überall. Man setzte dort sein Taschengeld in Speckmäuse und Mickymaushefte um, kaufte später verschämt die Bravo und noch später Zigaretten und die „Zeit“. Heute sind sie mit ihrer an den Kundenwünschen gewachsenen Warenstruktur etwas Besonderes. Bei Gunnar Hartsieker gibt es ein kleines Buchsortiment, was er nicht vorrätig hat, kann man bestellen. Außerdem führt er feinen Kaffee von Ettli. Tabakwaren seien der größte Umsatzbringer, meint er. „Aber mein Grossist ist hellauf begeistert, wenn er meinen Umsatz an politischer Presse sieht. Da liege ich weit über dem Durchschnitt.“

Solch eine Bude entwickelt sich. Bei Gunnar liegt überall Hundespielzeug herum, der Boxer Selma wird von der Kundschaft ebenso freundlich gegrüßt wie der Chef selbst. Clean Chic sucht man vergebens. „Ich schaffe es gar nicht, richtig aufzuräumen.“

Man trifft sich bei Gunnar. Über 200 Kundinnen und Kunden kommen täglich in den Südstadtkiosk, die Postsachen nicht mit eingerechnet. Mehrgenerationenfamilien kaufen hier ein und Stammkundschaft hält Gunnar selbst dann die Treue, wenn sie aus der Südstadt weggezogen ist.

Eigentlich würde er sich zum achtjährigen Jubiläum gerne zurücklehnen und über seinen Erfolg freuen. Vielleicht den Kaffeeausschank zu einem kleinen Café ausbauen.

Aber jetzt sieht es so aus, als seien seine Tage an der Ecke gegenüber der Bäckerei Fischer gezählt. Seine Vermieterin möchte, dass er zum Ende des Jahres den Laden dicht macht. „Ich habe Anfang Februar eine Mail geschrieben und erklärt, dass ich gerne langfristig bleiben möchte, möglichst zum gleichen Mietzins. Drei Monate lang habe ich gar nichts gehört, dann kam ein Brief, in dem mir mitgeteilt wurde, der Pachtvertrag können nur bis zum 31. Dezember 2020 verlängert werden“, erzählt Hartsieker.

Konkrete Gründe wurden in dem Brief nicht genannt. Vielleicht eine Sanierung, vielleicht Eigenbedarf – aber etwas wirklich Handfestes kam nicht. Gunnar Hartsieker versteht das nicht. „Seit acht Jahren bezahle ich pünktlich meine Miete und Ärger mache ich auch keinen – über solche Mieter ist man normalerweise doch froh.“ Andrea Bachmann

Zum Artikel

Erstellt:
8. Juli 2020, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
8. Juli 2020, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 8. Juli 2020, 01:00 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen


Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.