„Da warten wir heute noch“

Der Arbeitsalltag in einer Apotheke zu Corona-Zeiten

Wie sieht eigentlich die Arbeit in einer Apotheke jetzt aus – in Zeiten des Corona-Virus? Der TAGBLATT ANZEIGER sprach mit Dr. Heidrun Joos, Inhaberin der Schönbuch-Apotheke Tübingen.

Der Arbeitsalltag in einer Apotheke zu Corona-Zeiten

Mit Mundschutz und hinter einer Plexiglas-Scheibe: So stehen Heidrun Joos und ihre Mitarbeiter/innen inzwischen an ihrem Arbeitsplatz in der Schönbuch-Apotheke. Bild: Angelika Brieschke

„Wir hatten bis Anfang der Faschingsferien relativ viel Sterillium in der Apotheke, rund 200 Stück“, erzählt Apothekerin Heidrun Joos am Telefon, „wir hatten das wegen der Grippe geordert und direkt an der Tür aufgestellt. Aber die Nachfrage war mäßig. Dann kam in den Ferien die Meldung von den ersten beiden Coronafällen in Tübingen und es ist explodiert. Das war wirklich krass, da haben wir an einem Tag 100 Stück verkauft, nach zwei Tagen hatten wir nichts mehr.“

Heidrun Joos, die zu dieser Zeit mit ihrer Familie im Skiurlaub war, versuchte noch am gleichen Abend Nachschub von dem Desinfektionsmittel zu ordern: Sie bestellte 600 Fläschchen Sterillium. „Das ist jetzt über drei Wochen her, alles ist schon bezahlt – auf diese Fläschchen warten wir heute noch“, sagt sie. Ganz ähnlich sind ihre Erfahrungen in letzter Zeit auch mit anderen begehrten Produkten: Mundschutz, Fieberthermometer, die Schmerzmittel Paracetamol und Ibuprofen, VitaminC, Pneumokokken-Impfstoff – alles immer wieder nicht lieferbar und wenn es dann da ist, ist es auch schnell wieder ausverkauft.

Wenigstens dürfen seit kurzem die Apotheken in Deutschland wegen der Lieferengpässe selber Handdesinfektionsmittel herstellen. Anfang März hat die Bundesstelle für Chemikalien die entsprechende Biozidverordnung dazu erlassen. Auch Apothekerin Joos hat „etliche Liter Isopropanol“ eingekauft und stellt nun nach WHO-Rezeptur Desinfektionsmittel im Labor ihrer Apotheke her. Aber auch das vielleicht nur für einen gewissen Zeitraum – Isopropanol ist momentan nicht lieferbar oder wahnsinnig teuer.

Zum Schutz ihrer Mitarbeiter/innen hat die Apothekerin einiges an den Arbeitsabläufen und an den Arbeitsplätzen selbst geändert. „Wir arbeiten jetzt alternierend in zwei Teams, damit wir möglichst lange fit bleiben“, erzählte sie. Dafür hat sie ihre Mitarbeiter/innen in zwei Gruppen eingeteilt, von denen jede Gruppe immer an einem Tag arbeitet und am folgenden daheim bleibt.

Zudem hat Heidrun Joos eine Mittagspause von 13 bis 15 Uhr eingerichtet – in normalen Zeiten ist die Schönbuch-Apotheke durchgehend von 8 bis 18.30 Uhr geöffnet. „Zur Zeit bleibt einfach viel liegen und wir brauchen die Mittagspause, um die Arbeiten im Hintergrund bewältigen zu können“, erklärte die Apotheken-Inhaberin. „Außerdem haben wir unseren Lieferservice verstärkt, damit man gar nicht zu uns direkt kommen muss.“ Schließlich gehören zum Einzugsgebiet der Schönbuch-Apotheke auf der Wanne viele ältere Kunden – eine der gefährdetsten Corona-Risikogruppen.

Als zusätzliche Ansteckungsbarriere im Verkaufsraum hat Apothekerin Joos vor kurzem Plexiglas-Schutzwände auf der Kundentheke von einem Schreiner anfertigen lassen. Dass alle Mitarbeiter/innen zudem einen Mundschutz tragen, ist eine weitere vorsorgliche Maßnahme. Und natürlich ist die Anzahl der Kunden eingeschränkt: Nur drei dürfen gleichzeitig im Verkaufsraum sein.

Dass bei manchen Kunden die Nerven blank liegen, merkt die Apothekerin in letzter Zeit immer wieder. So wurde sie schon von einem Herrn, der kein Desinfektionsmittel kaufen konnte, mit den Worten „Mit einer anständigen Planung wäre Ihnen das nicht passiert“ angeraunzt. Dabei fällt es der Apothekerin selber schwer, wenn sie ihre Kunden wegschicken muss, ohne ihnen helfen zu können. Aber die meisten, vor allem die Stammkunden, seien sehr, sehr nett, betonte Heidrun Joos. „Sie bringen uns Schokolade vorbei, bedanken sich und sagen: ‚Haltet durch!‘“

Sehr hilfreich sind für Heidrun Joos auch ihre Berufskollegen: „Apotheker halten zusammen“, sagte sie – und erzählte, was in einer der letzten Ausgaben der Deutschen Apothekerzeitung veröffentlicht wurde. „Da haben Apotheker aus Südtirol für uns zusammengestellt, was sie empfehlen, was eine Apotheke jetzt braucht. Wir sollen, sagten sie, die Zeit, die wir noch haben, nutzen.“ Angelika Brieschke


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25.03.2020, 01:00 Uhr