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Selfies am Operationstisch

Der Arzt Dominique Kappel beobachtete die medizinische Praxis in Nepal

Dass Patienten in Nepal zu schnell oder zu häufig unter das Messer kommen, konnte Dominique Kappel nicht beobachten. Der 27-jährige Arzt aus Tübingen hat während seines zweimonatigen Aufenthaltes in dem asiatischen Land ein medizinisches Versorgungssystem kennengelernt, das auf rückständiger Technik und dem Gemeinschaftsgefühl traditionsbewusster Familien basiert.

21.06.2017

Vor dem Abschluss seines Medizinstudiums hat Dominique Kappel vor kurzem einen Teil seines praktischen Jahres in Nepal verbracht. Im Manipal Teaching Hospital in Pokhara bekam er Einblick in das medizinische Versorgungssystem am Fuße des Himalaya. Die Stadt liegt etwa 200 Kilometer nordwestlich der Hauptstadt Kathmandu.

Die Menschen, die dort behandelt werden, sind schwer krank. Denn in einem Land ohne Krankenversicherung wird die Therapie von Magengeschwüren oder Lungentumoren so lange hinausgezögert, bis sie lebensbedrohlich sind. Zwar sind die Operationen für die Patienten des Lehrkrankenhauses in Pokhara günstiger als in privaten Kliniken. Doch sämtliche Medikamente sowie die Mittel für die Anästhesie und das Verbandsmaterial müssen die Patienten auch hier selber in der Apotheke kaufen, bevor sie stationär aufgenommen werden. Und für ihre Pflege nach der Operation sind die Angehörigen zuständig, die dafür auch von ihrem Arbeitgeber in der Regel problemlos Urlaub bekommen. Weshalb oft ganze Familien auf den Stationen des Krankenhauses leben. „Sie campieren auf den Fluren, die an manchen Tagen einem großen Matratzenlager gleichen“, berichtet Kappel.

Der Computertomograph und das EKG sowie die anderen Geräte in der Klinik mit 700 Betten sind zwischen 20 und 30 Jahre alt. Und die hygienischen Verhältnisse lassen viel zu wünschen übrig. „An manchen Tagen hat es im Krankenhaus sogar heftig gestunken“, erinnert sich Kappel.

Bei den regelmäßigen Visiten mit den Ärzten und Studenten war Kappel der einzige, der auch mal eine Frage gestellt hat. „Die anderen Studenten haben mir zu verstehen gegeben, dass dies hier nicht üblich ist“, berichtet der frisch examinierte Arzt. Dafür stört sich niemand daran, dass die Ärzte während der Operation mit ihrem Tablet das Innenleben ihrer Patienten fotografieren und deren offene Wunden als Hintergrund für ein Selfie wählen.

Auch wenn das Manipal Teaching Hospital längst nicht an deutsche Standards heranreicht: „Die Ärzte tun dort im Rahmen ihrer begrenzten Möglichkeiten ihr Bestes“, betont Kappel. „Und sie bemühen sich ernsthaft, ihren Patienten eine gute Versorgung zukommen zu lassen.“

Die Familie besitzt in dem Land mit einer Bevölkerungszahl von mehr als 26 Millionen einen hohen Stellenwert. Drei bis vier Kinder sind die Regel in den Familien, die meist von der Landwirtschaft leben. „Die Schere zwischen arm und reich geht sehr weit auseinander“, stellt Kappel fest. „Die Mehrheit der Bevölkerung führt ein sehr einfaches Leben. Aber niemand muss hungern. Die Familien bebauen ihr eigenes Reisfeld hinter dem Haus.“ Eine einfache Feuerstelle im Haus, das häufig nur aus Steinen und Wellblech besteht, ist fast schon ein Statussymbol. Und diese offenen Öfen werden ausländischen Besuchern stolz präsentiert.

Die Kommunikation mit Internet und Smartphone gehört auch in Nepal, wo die Menschen im Schnitt drei Euro am Tag verdienen, längst zum Standard. Fleisch ist allerdings teuer und steht nur selten auf dem Speiseplan. Wasserbüffel sind wichtige Fleischlieferanten. „Das Fleisch schmeckt ähnlich wie Rind“, findet Kappel. Und erklärt, wie nepalesische Köche den Reis zubereiten: Die Körner werden geschlagen, sodass die flachen Blättchen frittiert werden können. Mit Reis wird meist auch das nepalesische Nationalgericht serviert: Dal Bhat - eine Linsensuppe.

Deutsche Touristen können in Nepal für wenig Geld viele Reiseerlebnisse sammeln. Für seine Hotelzimmer hat Dominique Kappel im Schnitt sieben Euro pro Übernachtung bezahlt, ein Essen hat er in den Restaurants schon ab 70 Cent bekommen.

Nepal ist immer noch von dem schweren Erdbeben gezeichnet, bei dem im Frühjahr 2015 etwa 9000 Menschen starben. Rund drei Millionen Menschen wurden als Folge der Naturkatastrophe obdachlos. Zwar ist viel Aufbauhilfe in das Land geflossen. „Und zahlreiche Hilfsprojekte lindern die Not der Bevölkerung“, sagt Kappel. Gleichzeitig berichtet er von Nepalesen, die den finanziellen Aufwand für die Wiederherstellung der Unesco-Weltkulturerbestätten kritisieren. Dazu zählt beispielsweise der Durbar-Platz in Kathmandu mit seinen mehr als 50 Pagoden, Tempeln und Palästen.

Der Sherpa-Staat, in dem ein großer Teil des Himalaya-Gebirges und acht der zehn höchsten Berge der Erde liegen, ist das Ziel abenteuerlustiger Trekkingtouristen. Im vergangenen Jahr reisten rund 22000 Rucksacktouristen und Bergsteiger aus Deutschland nach Nepal. Und mancher Urlauber will sich in Nepal günstig Drogen beschaffen.

Infektionskrankheiten sind in Nepal stark verbreitet. Wer Wasser aus den Wildbächen trinkt, riskiert eine Infektion mit der Amöbenruhr. Weshalb Kappel auf seinen Himalaya-Expeditionen, etwa zum Annapurna Base Camp auf 4130 Metern über dem Meer, das Wasser durch ein Filterröhrchen eingesaugt hat. Trotz dieser Vorsichtsmaßnahme war der Tübinger nicht gegen die Hand-Fuß-Mund-Krankheit gefeit: Schmerzhafte Bläschen sowie hohes Fieber mit Schüttelfrost gehörten zu den weniger angenehmen Seiten seiner Nepalreise, auf der er in eindrucksvollen Gebirgslandschaften aufregende Panoramablicke und farbenprächtige Sonnenuntergänge genießen konnte.

Auch der Versuch, den westlichen Lebensstil mit seinem rasant expandierenden Individualverkehr zu kopieren, geht auf Kosten der Gesundheit der Menschen. „Die Zahl der ständig hupenden Autos, die sich durch die engen Straßen von Kathmandu quälen, ist in den vergangenen Jahren explodiert“, stellt Kappel fest. „Die Passanten müssen sich mit Gesichtsmasken vor dem Smog schützen.“

Noch chaotischer als der Straßenverkehr ist in der Hauptstadt, in der rund eine Million Menschen leben, die Versorgung mit Elektrizität organisiert: Die offenen Kabel verknoten sich an den Masten zu einem undurchschaubaren Knäuel. Kurzschlüsse und Stromausfälle sind deshalb an der Tagesordnung.

Nashörner gehören in den südlichen Städten und Dörfern genauso zum Straßenbild wie die Hunde, die in Nepal als heilig verehrt werden. „Deshalb werden sie von den Menschen kräftig gefüttert und die Bevölkerung hat ihnen sogar einen Festtag gewidmet“, stellte Kappel während seines Aufenthaltes in Nepal verwundert fest.

„Deutschland erscheint den Nepalesen als Utopia“, hat Kappel bei seinen Gesprächen mit den Einheimischen erfahren. Gute Fachkräfte gehen ins Ausland. Weshalb Kappel für das Land, dessen Bevölkerung sich zu rund 80 Prozent zum Hinduismus bekennt und sich auch im 21. Jahrhundert noch nicht von den Fesseln des Aberglaubens befreit hat, kaum ökonomische Entwicklungschancen erkennt.

Die Menschen in Nepal beschreibt Dominique Kappel als „dankbar und auffallend geduldig“. Und „sie zeichnen sich durch ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl aus.“ Eigenschaften, von denen sich karriereorientierte Individualisten nach Meinung von Kappel durchaus ein paar Scheiben abschneiden könnten. „Zumal die Nepalesen beweisen, dass ein Leben ohne ständigen Termindruck möglich ist.“ Gleichzeitig verweist er auf die dunklen Seiten einer Gesellschaft, die ihren Mitgliedern keine medizinische Grundversorgung gewährleisten kann. „Viele Krankheiten werden einfach nicht behandelt. Deshalb begegnet der Besucher hier an jeder Ecke einbeinigen Menschen, die sich auf Krücken fortbewegen und Bettlern, die nur noch eine Hand aufhalten können.“ Gerade deshalb hält Kappel die zwei Monate in Nepal für eine bereichernde Erfahrung. „Ich habe in dieser Zeit gelernt, mit welchen wirklichen Sorgen sich Menschen oft jeden Tag herumschlagen müssen und kann vieles von dem, was wir in den westlichen Industriegesellschaften als Problem betrachten, jetzt neu einordnen.“ Stefan Zibulla

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21.06.2017, 01:00 Uhr
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