Gegen Zwangs- und Armutsprostitution

Der Tübinger Ableger des Berliner Frauenfilmfests steigt am 10. und 11. Juni im Kino Museum

Nachdem die Tübinger Frauenfilmtage pandemiebedingt zweimal verschoben werden mussten, findet das Festival nun direkt im Anschluss an das Cine Latino am 10. und 11. Juni im Kino Museum statt: Die Städtegruppe Tübingen/Reutlingen von Terre des Femmes zeigt an den beiden Tagen insgesamt sieben hochwertige Dokumentar- und Spielfilme, die ein Eintauchen in die Lebenswelten von Frauen weltweit ermöglichen.

Der Tübinger Ableger des Berliner Frauenfilmfests steigt am 10. und 11. Juni im Kino Museum

Irene Jung von Terre des Femmes will das Publikum des Tübinger Frauenfilmfests zu Empathie und Solidarität mit den Opfern von Gewalt und Ungerechtigkeit aufrufen. Bild: Jürgen Spieß

Durchs Kino frauenpolitisch Druck machen und gleichzeitig ein Bewusstsein für die sozialen Rechte von Frauen schaffen: Darum geht es dem Organisationsteam des 2020 nach Berlin umgezogenen Filmfestivals. Gleichzeitig möchte Irene Jung von Terre des Femmes das Publikum zu Empathie und Solidarität aufrufen, wenn es darum geht, Gewalt und Ungerechtigkeiten gegenüber – nicht nur weiblichen – Opfern und gesellschaftlichen Außenseitern in den Blick zu rücken. Und nicht zuletzt sollen die Filme neben der Aufklärung über Missstände unterhalten. Obwohl das Festival aufgrund der zweimaligen Verschiebung auf zwei Tage geschrumpft ist, können die Veranstalterinnen mit fünf zum Teil namhaften Gästen aufwarten.

Unter anderen wird zum Eröffnungsfilm „Was tun?“ am Donnerstag um 18 Uhr der Regisseur Michael Kranz anwesend sein und in seinen Film über Zwangsprostitution in Bangladesch einführen. Kranz ist nicht nur Regisseur preisgekrönter Dokumentarfilme, er drehte auch als Schauspieler mit so bekannten Filmemachern wie Michael Haneke, Joseph Vilsmaier, Steven Spielberg und Quentin Tarantino. Der gesamte Donnerstag ist dem Thema Zwangs- und Armutsprostitution und den politischen Forderungen nach ihrer Abschaffung gewidmet. Wie man dieses Thema in verschiedenen Facetten aufbereiten kann, beweist auch der kanadische Film „Honey Bee“ von Rama Rau. Der Film zeigt am Donnerstag, 20 und 20.15 Uhr, wie die erst 14-jährige Nathalie durch die „Loverboy“-Methode in der Prostitution landet und versucht, sich von der Abhängigkeit von ihrem vermeintlichen Freund zu lösen.

Die so genannte „Loverboy-Methode“, die Mädchen praktisch vom Schulhof weg in die Prostitution lockt, ist auch in Deutschland verbreitet. Nach dem Film werden Expertinnen des Netzwerks „Sisters – für den Ausstieg aus der Prostitution e.V.“ über das „Nordische Modell“ informieren, das in vielen Ländern Europas und Kanada bereits praktiziert wird. Der veranstaltende Verein Terre des Femmes setzt sich wie das Netzwerk „Sisters“ für eine Welt ohne „Sexkauf“ nach dem „Nordischen Modell“ ein. Dieses verbietet jede Zusammenarbeit mit Prostituierten und bestraft die Freier und Vermieter von Arbeitsstätten. Dagegen bleiben die Prostituierten straffrei und werden in finanzierte Ausstiegsprogramme vermittelt.

Ebenfalls gespannt sein darf man auf den Dokumentarfilm „Women of the Sun: A chronology of seeing“, in dem der persönlich anwesende iranische Regisseur Hamed Zolfaghari am Donnerstag um 20.30 Uhr und am Freitag um 18 Uhr den Emanzipationsprozess von Frauen im ländlichen Iran begleitet. „Overseas“, der ebenfalls am Donnerstag (17.30 Uhr) gezeigt wird, beleuchtet dagegen die Situation von philippinischen Frauen, die in großer Zahl als Arbeitsmigrantinnen in reichen Ländern prekär arbeiten.

Der Freitag startet um 17.30 und 17.45 Uhr mit dem Dokumentarfilm „We are the radical Monarchs“, in dem acht- bis zwölfjährige „Girls of Color“ in einer Pfadfindergruppe lernen, stereotype Körperbilder zu hinterfragen und sich für soziale Gerechtigkeit sowie gegen Gender- und Rassendiskriminierung in den USA zu engagieren. Die Tübinger Frauenfilmtage enden schließlich mit der Doku „Leftover Women“ (20 und 20.15 Uhr) über drei junge erfolgreiche Chinesinnen, die sich gegen die rückwärtsgewandten Frauenbilder der kommunistischen Regierung wehren.

Außerdem stellt die bosnische Regisseurin Jasmila Žbanic ihren neuen Film „Quo Vadis, Aida?“ (20.30 Uhr) persönlich vor, der das Massaker von Srebrenicza aus Sicht der Frauen veranschaulicht und dieses Jahr sogar für den Auslands-Oscar nominiert war. Jürgen Spieß

www.frauenfilmtage-

tuebingen.de.


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09.06.2021, 01:00 Uhr