Impftermine statt Auftritte

Der Tübinger Musiker Joachim Schaitel bietet einen Service für Senioren an

Das ist doch einmal eine kreative Idee: Der freischaffende Veranstaltungstechniker und Musiker Joachim Schaitel aus Tübingen will nicht mehr herumsitzen und warten, bis es coronabedingt endlich wieder Aufträge für ihn gibt. Er hat einen Service ins Leben gerufen, der sich an vorwiegend Ältere richtet, die mit der Organisation und Abwicklung eines Impftermins überfordert sind. Wir sprachen mit Joachim Schaitel über seine Corona-Hilfsaktion.

17.02.2021

Joachim Schaitel hat derzeit keine Aufträge als Musiker. Die Zeit nutzt er, um anderen zu helfen.Privatbild

TAGBLATT ANZEIGER: Was bedeutet die Coronakrise finanziell für Sie als Künstler und Soloselbstständiger?

Joachim Scheitel: Seit Mitte März vergangenen Jahres sind nahezu alle meine Aufträge storniert oder bestenfalls verschoben worden. Im Sommer gab es zwar ein paar Autokinos und Konzerte und im Winter wenige Streamings. Alles in allem reicht das aber nicht einmal, um meine Miete zu finanzieren, geschweige denn Versicherungen, Auto und Kindesunterhalt zu bezahlen. Wenigstens habe ich die Soforthilfe und Überbrückungshilfe 1 erhalten. Hier muss man Baden-Württemberg lobend hervorheben, da es eines der drei Bundesländer ist, die Hilfe zum Lebensunterhalt, auch bekannt als „Unternehmerlohn“, gewähren, soweit Bedürftigkeit und Anspruch nachgewiesen sind.

Das nachzuweisen ist aber nicht so einfach, oder?

Ja, man steht leider ständig mit einem Bein in der Illegalität, sollten Fehler bei der Beantragung gemacht worden sein. Das trägt dann den schönen Namen „Subventionsbetrug“. Reine Fixkosten sind für Soloselbständige kaum anrechenbar, da Betrieb gleich Privatperson ist. Ich kann weder meine Beiträge zur Künstlersozialkasse noch die zur Riesterrente anrechnen lassen. Inzwischen habe ich meine Beiträge stark reduziert, wodurch ich wiederum die Zuschüsse zur Rente verliere. Kurz: Ich lebe vom Ersparten und damit von meiner Altersvorsorge – was in meinem Alter wohl nicht mehr aufzuholen ist.

Wie schätzen Sie die langfristigen Auswirkungen der Krise für die Situation der freien Künstler und Musiker ein?

Ich befürchte, viele werden den Beruf in der jetzigen Form aufgeben müssen, da sie diese lange Durststrecke nicht durchhalten können. Alle staatlichen, kommunalen und damit subventionierten Betriebe werden wohl mit Kurzarbeitergeld und Ähnlichem durchkommen. Für die freie Szene sieht es dagegen düster aus. Ich bin schon immer mehrgleisig gefahren, aber nicht einmal das scheint dieses Mal eine Lösung zu sein. Trotzdem versuche ich, zuversichtlich zu bleiben.

Planen Sie nach Aufhebung des Lockdowns wieder als Musiker und freischaffender Veranstaltungstechniker zu arbeiten?

Ja, ich kann nur hoffen, dass die vor der Pandemie bestehenden Engagements auch danach noch existieren – das weiß im Moment jedoch niemand.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, einen Service für Impftermine einzurichten?

Ausgangspunkt war die Terminbuchung für meine Eltern. Meine Mutter ist mit 86 noch äußerst aktiv, nutzt Laptop, Smartphone, und soziale Netze. Aber hier hat sie dankend abgewunken. Also habe ich alles organisiert und in der Folge weitere Termine im persönlichen Umfeld organisiert. Dadurch wurde mir der große Bedarf bewusst und die Idee war geboren. Zuvor hatte ich mich, gleich zu Beginn der Kampagne, bereits beim Regierungspräsidium wegen Mithilfe im Impfzentrum beworben, leider negativ. Das brachte mich auf den Gedanken, selber aktiv zu werden.

Richtet sich Ihr Angebot ausschließlich an ältere Bürger, denen der Aufwand einer Terminvereinbarung zu groß ist?

Mein Service richtet sich vor allem an Impfwillige und deren Angehörige, die mit der Abwicklung überfordert sind oder schlicht keine Zeit dafür haben. So konnte ich inzwischen einige Termine begleiten oder zumindest vermitteln.

Wickeln Sie Ihr Angebot telefonisch oder online ab und was genau beinhaltet Ihr Angebot?

Die Terminbuchung geht nur online, telefonisch ist es zwecklos. Zur Buchung benötige ich persönliche Daten, die ich direkt im Anschluss wieder lösche. Mein Angebot ist auf meiner Facebook-Seite beschrieben, es reicht von der Terminbuchung, Formularhilfe, Abholung, Terminbegleitung bis zur Rückbringung, alles zu fairen Bedingungen, also einer Aufwandsentschädigung und nach Absprache. Sollte jemand finanziell schlecht dastehen, verlange ich gar nichts. Mein Ziel ist nicht, damit Geld zu verdienen, sondern vor allem, etwas Sinnvolles beizutragen.

Ist es nicht mit Problemen verbunden, für andere Menschen einen Impftermin zu organisieren?

Nein, überhaupt nicht. Sonst könnte ja auch kein Angehöriger für seine Familienmitglieder buchen. Man muss nur die Regeln einhalten und schnell sein.

Das Gespräch führte Jürgen Spieß

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Erstellt:
17. Februar 2021, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
17. Februar 2021, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 17. Februar 2021, 01:00 Uhr

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