Studierende in der Uni? – Fehlanzeige

Der Tübinger Studierendenrat über Online-Lehre und Co.

Corona ist nun seit einem Jahr das alles bestimmende Thema. Auch in den Universitäten, obwohl gerade diese oft von der Politik vergessen werden. Wir sprachen mit dem Studierendenrat der Universität Tübingen über Schwierigkeiten und Verbesserungsvorschläge im Coronasemester.

31.03.2021

Gähnende Leere im Lernzentrum der Universitätsbibliothek. Aber nicht nur Studierende fehlen, sondern auch freie Arbeitsplätze. Bild: Lukas Weber

Wie zufrieden sind die Tübinger Studierenden mit dem vergangenen Online-Semester?

Natürlich sind rein digitale Semester, ohne Präsenzveranstaltungen oder persönlichen Kontakt zu den Kommilitonen und Kommilitoninnen alles andere als ideal. Die Studierenden waren von Beginn an direkt von den Einschränkungen betroffen und mussten sich in kürzester Zeit an die neuen Umstände, die Lern- und Arbeitsbedingungen gewöhnen. Mittlerweile haben die meisten damit eine Art Modus vivendi entwickelt.

Was auch im zweiten Coronasemester vollkommen chaotisch lief, waren die Prüfungen. Oft war und ist immer noch unklar, wie sie überhaupt stattfinden werden oder ob es Möglichkeiten außerhalb einer physischen Teilnahme gibt. Da fordern wir in Zukunft mehr Klarheit, gerade auch von der Universitätsleitung! Die Studierenden unterstützen die Beschränkungen mehrheitlich und haben Verständnis dafür. Wir wünschen uns im Gegenzug Aufmerksamkeit und Verständnis für die zusätzlichen Probleme, vor denen Studierende durch die Pandemiesituation stehen. Während ständig auf allen Kanälen über Wirtschaft und Einzelhandel und (zu Recht) über die Situation der Schülerinnen und Schüler diskutiert wird, finden unsere Bedürfnisse in der derzeitigen Debatte kaum Beachtung. Da hilft dann auch kein Landesvater, der uns zynisch erklärt, das alles sei noch gar kein Grund, depressiv zu werden.

Welche Reaktionen kamen von den Studierenden?

Gerade für Erst- und Zweitsemester, von denen viele nichts anderes kennenlernen durften als Coronasemester, ist die Situation auf mehreren Ebenen belastend. Die meisten konnten sich nie persönlich kennenlernen, viele sind nur selten in Tübingen, manche haben hier nicht mal ein Zimmer oder zumindest nie wirklich darin gewohnt.

Das soll sich im kommenden Semester glücklicherweise etwas ändern: Die Tübinger Universität möchte vereinzelte Präsenzveranstaltungen für niedrige Semester zulassen. Aber auch höhersemestrige Studierende haben zu kämpfen. Nicht nur haben viele seit Beginn der Pandemie ihren Nebenverdienst, oft in der Gastronomie, verloren, sondern konnten gar nicht erst einen finden. Eine weitere Herausforderung ist die fehlende Planungssicherheit für Auslands- und Praxissemester oder den Schritt in den Arbeitsmarkt. Das verursacht Unsicherheit und erschwert das Studieren.

Welche weiteren Probleme gab es bei den Studierenden und den Lehrenden?

Gerade zu Beginn der Pandemie kamen viele erwartbare technische Probleme auf. Viele Studierende haben nur mangelhaften oder unzuverlässigen Internetanschluss, auch die Ausstattung mit geeignetem, technischen Gerät ist für viele nicht leicht umzusetzen.

Hinzu kam die unzureichende und teils chaotische Aufstockung der Kapazitäten der universitären Plattformen: Erst nach Wochen begann die Universität, in den Ausbau der technischen Infrastruktur zu investieren. Unser Dank gilt hierbei ausdrücklich dem Zentrum für Datenverarbeitung, dass trotz schlechter Ausstattung und fehlender Mittel stets auf Hochtouren gearbeitet hat.

Ein weiterer Faktor ist das Arbeiten im „Homeoffice“. Das bedeutet für Studierende meist: Leben und arbeiten auf denselben 12 Quadratmetern. Diese Entgrenzung der Lebensbereiche kostet jedoch enorm viel Energie und hält viele Studierende im Dauerstress. Dennoch ist die Bereitschaft, sich auf neue Lehrkonzepte einzulassen, bei Studierenden ebenso wie bei Dozenten und Dozentinnen groß.

Haben Sie Vorschläge zur Verbesserung?

Die Universitätsleitung muss ihr Kommunikationskonzept grundlegend überdenken. Es ist für Dozenten ebenso wie für Studierende sehr aufwändig, die aktuell geltenden Regelungen zu finden, die sich schnell ändern. Im Wintersemester beispielsweise mussten die Dozenten innerhalb von wenigen Tagen ihre Lehrplanung in digitale Formate umstellen, nachdem über Wochen kommuniziert wurde, dass Präsenzlehre möglich sei.

Um den Hürden der Online-Lehre zu begegnen, sollte die Universität verstärkt Laptops und ähnliches zur Leihgabe zur Verfügung stellen. Auch dem Problem des fehlenden Lernraums könnte die Universität entgegenwirken, indem sie leerstehende Seminarräume als Arbeitsplätze für einzelne Studierende zur Verfügung stellt.

Wird im kommenden Sommersemester etwas geändert und wenn ja, was?

Mittlerweile wurden einzelne Plätze in der Universitätsbibliothek zur Verfügung gestellt. Während wir das sehr begrüßen, wurde schnell deutlich, dass das bei Weitem nicht reicht: Die handvoll freier Plätze sind meist innerhalb von Stunden für die nächsten Wochen ausgebucht.

Das neue Konzept für die Lehre im Sommersemester begrüßen wir: Es wird ausschließlich Online-Lehre angeboten, ausgenommen werden einzelne Veranstaltungen für Studierende in den niedrigen Semestern sowie solche, die physische Anwesenheit absolut benötigen, beispielsweise bei Laborpraktika.

Fragen von Julia Trender

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Erstellt:
31. März 2021, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
31. März 2021, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 31. März 2021, 01:00 Uhr

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