Einer der Besten

Der serbische Akkordeonist Jordan Djevic kommt morgen nach Reutlingen

In Serbien ist er vor allem als Volkssänger bekannt geworden, in seiner neuen Heimat Stuttgart gilt er als Akkordeon-Avantgardist, der mit seiner Musik die Welt ein klein bisschen zum Besseren verändern will. Er heißt Jordan Djevic, stammt aus Cacak in Serbien und spielt seit 44 Jahren das chromatische Akkordeon.

03.08.2022

Jordan Djevic hat das so oft bespöttelte Instrument Akkordeon in der Welt des Balkanjazz wieder hoffähig gemacht. Bild: Agentur

Jordan Djevic hat das so oft bespöttelte Instrument Akkordeon in der Welt des Balkanjazz wieder hoffähig gemacht. Bild: Agentur

Viele verbinden das Akkordeon mit seinen schnaufenden und quietschenden Tönen noch heute mit dumpfen Volksmusikgelagen oder melancholischen Heimatabenden. Diese unbegründeten Vorurteile hat gerade der seit 27 Jahren in Stuttgart lebende Jordan „Joca“ Djevic vielfach entkräftet. Der Akkordeonist lässt sich vielmehr durch klassische Musik, Folk, Rock und vor allem mitreißende Balkan-Weisen treiben, spielt vertrackt, improvisiert mit virtuosen Jazzanklängen. Und er spielt nicht nur Akkordeon, er verwendet sein riesiges Instrument – und seinen Körper gleich mit dazu – als Klangquelle für seine Sampler, Loops, Wah-Wah-Pedale, Kontaktmikrophone – wer weiß, was da alles zu seinen Füßen im Scheinwerferlicht liegt.

So international und weltoffen wie sein Repertoire ist auch Jordan Djevic selbst. Der Mann, der die Musik als seine Religion bezeichnet, hat sich schon im Alter von zwölf Jahren an das große Instrument gewagt und Akkordeon-Unterricht genommen. Und das, „obwohl ich als Elfjähriger aus dem Schulchor rausgeschmissen wurde, weil ich nicht musikalisch war“, erzählt er.

Bevor er 1995 nach Stuttgart übersiedelte, hat er im serbischen Nationalorchester gespielt und in Rotterdam, Amsterdam, Wien, München, Zürich und St. Gallen gelebt. In Serbien startete er seine Musiker-Karriere als Sänger von Volksmusik-Liedern, die ihn in der 80er-Jahren an die Spitze der Popularität spülten. Doch seine große Liebe war neben seiner Familie immer schon das Akkordeon. Dies war auch der Grund, weshalb er in den 90er-Jahren seine Privilegien, die er in Serbien aufgrund seines Erfolgs als Sänger genoss, aufgab, seine Heimat verließ und sich ganz dem Akkordeon-Spiel zuwandte.

Mittlerweile, fast drei Jahrzehnte später, gilt er vielen als einer der besten seines Fachs. Jordan Djevic spielt nach eigenen Angaben eine Unzahl von Stücken auswendig, von denen die meisten Eigenkompositionen sind. Er hat beim Paleo Festival in Nyon und beim renommierten Montreux Jazz Festival ebenso gespielt wie bei der Frankfurter Musikmesse und beim Creole Weltmusik-Festival. Selbst in der US-Fernsehserie „The Mentalist“ gibt es einen 50-sekündigen Einspieler, der von Djevic komponiert und gespielt wurde. Er ist europaweit auf großen und kleinen Bühnen aufgetreten und machte das so oft bespöttelte Instrument ausgerechnet in der Welt des Balkanjazz wieder hoffähig. Ob mit seinem Soloprojekt „Black White“, seinem Jazztrio Balkan Train oder im Duo mit der aus den USA stammenden Sängerin Tiffany Marie Estrada: Wenn Jordan Djevic eines seiner drei Akkordeons spielt, werden Grenzen und Klischees gesprengt. Seine weniger von klassischer Musik als von osteuropäischer Folklore inspirierten Kompositionen gleichen in Noten gegossenen Bauwerken.

Der aus Serbien stammende Akkordeonist spielt vorwiegend das sechsreihige chromatische Knopfakkordeon und ist spezialisiert auf Balkanjazz. Und dennoch hat Jordan Djevic mit Jazz soviel gemein wie weiland Rick Wakeman mit Rock. Und wie die Wakemänner dieser Welt scheint ihn das nicht weiter zu stören: Er bläst und bläst mit seinem tastenbewehrten Blasebalg, er plustert sich auf, er pustet, bis alles hinweggefegt ist, was man mit dem Instrument Akkordeon und den damit zu erzeugenden Tönen zwischen Balkanjazz bis Swing, von Gipsy bis Folk, von Spanien über Portugal nach Frankreich und zurück nach Serbien verbindet. Eigentlich macht Jordan Djevic nicht weniger als den Körper instrumentalisieren, neueste Technik einsetzen, Klänge rhythmisieren, beobachten, wohin das Ganze führt.

Und wie hat es den 56-jährigen Akkordeonisten nach Stuttgart verschlagen? Jordan Djevic ist mit einer deutschen Frau verheiratet und schätzt zudem die relaxte Atmosphäre, die die Stadt ausstrahlt: „Stuttgart passt sehr gut zu mir, für mich ist es die perfekte Stadt“. Jürgen Spieß

Jordan Djevic & Sängerin Tiffany Marie Estrada spielen am Donnerstag, 4. August, 20 Uhr, im Reutlinger Pappelgarten.