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Nächstenliebe in der Krise

Die Kirchengemeinden überlegen sich Angebote ohne direkten Kontakt

Das öffentliche Leben steht fast auf Null – auch in den Kirchengemeinden, für die der direkte Kontakt wie für kaum eine andere Einrichtung besonders wichtig ist. Was tun, wenn man gerade das nicht darf, was man in Krisenzeiten normalerweise täte: zusammenkommen?

25.03.2020

Trotz Covid-19-Prävention soll die Kirche Platz im Alltag der Menschen behalten: Harry Waßmann und Christoph Wiborg (beide Pfarrer der Tübinger Eberhardsgemeinde) und Kirchengemeinderätin Eva Glonegger beraten mit Sicherheitsabstand im Freien. Bild: Andrea Bachmann

Tübingen. „Wir möchten vor allem den Nahbereich stärken“, meint Eva Glonegger, Kirchengemeinderätin in der Tübinger Eberhardsgemeinde in der Südstadt. Am Sonntagmorgen um 10 Uhr steht sie mit den Pfarrern Christoph Wiborg und Harry Waßmann vor der Kirche. Die Glocken läuten, ein Paar kommt angeradelt, grüßt – mit gebührendem Abstand. Die beiden sind regelmäßige Kirchgänger und wollen sich auch an diesem Sonntag für einen Moment der Andacht in die Kirche setzen.

Die hat geöffnet, so wie die meisten Kirchen im Landkreis. Eintreten, ausruhen, vielleicht beten, eine Kerze anzünden – für viele Menschen ist das jetzt wichtiger denn je. In einigen Kirchen, zum Beispiel in der Tübinger Stiftskirche, wurden Gebetswände aufgestellt oder Gästebücher ausgelegt, in denen die Menschen ihre Gedanken schriftlich mitteilen können.

Christoph Wiborg hat den Gottesdienstablauf ausgedruckt und verteilt ihn vor der Kirche. So kann man ihn mit nach Hause nehmen und dort feiern oder einfach die Predigt lesen. Eva Glonegger wird ihn vor allem älteren Gemeindegliedern in den Briefkasten werfen. Natürlich gibt es diesen Zuhause-Gottesdienst auch als Newsletter. Aber dem Internet fehlt etwas, was in diesen Tagen so wertvoll ist – ein bisschen menschliche Nähe, auch wenn sie nur aus einem Blatt Papier im Briefkasten besteht.

„Wir wollten direkt in der Nachbarschaft konkrete Dinge tun und nicht nur auf der Website Fernsehgottesdienste und Radioandachten verlinken“, meint sie. Das Miteinander in der unmittelbaren Umgebung sei jetzt besonders wichtig. „Wir wollen ein geistliches Band schaffen“, fügt Harry Waßmann hinzu.

Es gibt Probleme, bei denen hilft es nicht, abends Kerzen ins Fenster zu stellen oder allabendlich um 19 Uhr „Der Mond ist aufgegangen“ zu singen. Deshalb wurde im Windfang des Gemeindezentrums der Eberhardskirche eine Foodsharing-Station eingerichtet ist, wo man von 8 bis 18 Uhr Lebensmittel abholen kann.

Die evangelische Kirchengemeinde in Rottenburg wird im Laufe der Woche ebenfalls ein Foodsharing-Regal aufbauen. Andere Kirchengemeinden überlegen ähnliche Aktionen.

Helmut Schneck, Kirchengemeinderats-Vorsitzender der Tübinger Stiftskirchengemeinde, hat sich ans Telefon gesetzt und „einfach mal alle angerufen, die ich aus der Nachbarschaft, aus dem Gottesdienst oder aus meiner früheren Gemeinde in Lustnau kenne.“ Die Reaktionen seien sehr unterschiedlich gewesen: bedrückt, verzweifelt, gelassen, trotzig. Berührende Gespräche hätte er geführt und dabei Sätze gehört wie: „Ich habe meinen Glauben, ich verhalte mich vorsichtig und beides zusammen gibt mir die Zuversicht, die kommenden Herausforderungen zu bestehen.“

Karoline Rittberger-Klas und Frithjof Rittberger teilen sich die Pfarrstelle in Weilheim und Hirschau. Sie haben die ersten Beerdigungen hinter sich, bei denen nur die engsten Angehörigen zugegen sein dürfen. Auch wenn das Wetter schön ist und die Trauergesellschaft noch etwas singen darf, ist es schwierig. „Den einen Verstorbenen haben viele im Ort gekannt, da ist es besonders traurig, wenn die Gemeinde das erst hinterher erfahren und nicht an der Beerdigung teilnehmen kann.“

Wenn es wieder Gottesdienste gibt, wollen sie anbieten, dass an einem Sonntag der Verstorbenen gedacht wird, dass man Kerzen anzünden und ein Buch auslegen kann. Ansonsten gilt auch hier: Viel telefonieren, Geburtstagsgrüße und Glückwünsche zur Goldenen Hochzeit nicht mehr persönlich überbringen, Nachbarschaftshilfe organisieren, Grundschüler/innen und Konfirmanden mit Aufgabenblättern versorgen. Viele Anrufe kämen jedoch (noch) nicht. „Vermutlich müssen sich die Leute erst einmal zu Hause sammeln“, meint Frithjof Rittberger.

Pfarrer Tilman Just-Deus und seine Kolleginnen haben in Rottenburg ähnliche Angebote organisiert. „Beim Einkaufsdienst gibt es viele Helferinnen und Helfer, aber kaum Nachfragen“, meint er. Außerdem wird auch hier viel telefoniert. „Anstatt Besuche zu machen, rufen wir an. Leider haben wir gar nicht von allen Gemeindegliedern die Telefonnummern.“ Hier macht sich bemerkbar, wie sehr in den Kirchengemeinden noch zwischenmenschliche Kontakte gepflegt und immer das direkte Gespräch dem Anruf oder der Post vorgezogen wurde.

„Natürlich schlägt uns das alles auf die Stimmung“, meint der Rottenburger Pfarrer Just-Deus. „Es herrscht eine große Ratlosigkeit. Man muss sich aber immer wieder klar machen: Irgendwann wird es vorbei sein.“ Andrea Bachmann

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Erstellt:
25. März 2020, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
25. März 2020, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 25. März 2020, 01:00 Uhr

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